Im Schlosse begann nun das frühere Leben wieder – das Vegetieren, wie es den Insassen von hoher Geburt so vorzüglich zusagte. Der Aufenthalt hier sollte bis zur letzten Septemberwoche dauern, bis zu dem Zeitpunkte, wo die Piborne's ihr Winterquartier in Edinburg zu beziehen pflegten, von wo sie nur zur Zeit der Parlamentssitzungen nach London übersiedelten. Inzwischen puppten sich der Marquis und die Marquise in langweiliger Vornehmheit völlig ein. Nur die Besuche in der Nachbarschaft begannen wieder mit tödtlicher Regelmäßigkeit. Dabei konnte man von dem Ausfluge nach Killarney sprechen. Lord und Lady Piborne mischten da ihre Reiseeindrücke zu denen einiger Freunde, die jene Fahrt bereits gemacht hatten. Sie mußten sich übrigens beeilen, denn schon verblichen der Marquise alle Erinnerungen, ja sie konnte sich schon nicht mehr des Namens der Insel entsinnen, von der das »elektrische Tau« abging, an dem Europa zog, um Amerika anzuklingeln, so wie sie nach John oder Marion klingelte.

Dieses einsilbige Leben wurde Findling allgemach höchst peinlich. Er sah sich immer der schlimmen Behandlung durch Scarlett ausgesetzt, der ihn als Sündenbock betrachtete. Andrerseits ließen ihm die Grillen des Grafen Ashton keine Stunde Muße. Jeden Augenblick war ein Befehl auszuführen, ein Gang zu machen, und dann kam wieder Gegenbefehl, so daß der junge Groom niemals zur Besinnung kam. Er fühlte gleichsam an Händen und Füßen einen tyrannischen Faden, der ihn unaufhörlich in Bewegung setzte. Im Vorzimmer wie in den Dienerstuben lachten die Leute, ihn so gerufen, weggeschickt und doch eigentlich zum Narrn gehalten zu sehen, was ihn tief genug kränkte.

Des Abends, wenn er endlich nach seinem Stübchen gekommen war, begann er dann über die Lage nachzugrübeln, in die ihn das Elend gedrängt hatte. Immer der Groom des Grafen Ashton zu bleiben, das führte ja zu nichts. Er war zu etwas besserem geschaffen. Nur ein Diener, gleichsam eine Maschine zum Gehorchen zu sein, verletzte seinen Sinn für Unabhängigkeit und den Ehrgeiz, der in ihm wohnte. Auf der Farm... ja, da stand er mit den übrigen Bewohnern wenigstens auf gleicher Stufe und man sah ihn als Kind des Hauses an. Wohin waren jetzt die Zärtlichkeiten der Großmutter, die Liebkosungen Martines und Kittys, wohin die Aufmunterungen durch Martin und dessen Söhne? Wahrlich, höher schätzte er die damaligen Kieselsteine, die er in der nun unter Ruinen begrabenen Kruke sammelte, als die Guineen, womit diese Piborne's monatlich seine Sclaverei bezahlten. In Kerwan unterrichtete er sich, arbeitete er und lernte, dereinst auf eignen Füßen stehen zu können. Hier – nichts als diese widerwärtige, keinerlei Aussichten bietende Beschäftigung, die Unterwerfung gegenüber einem verzogenen, eitlen und unwissenden halben Kinde! Er war fast stets mit Ordnen beschäftigt, doch nicht etwa mit dem von nützlichen Büchern – denn davon gab es hier kein einziges – sondern mit dem Wiederordnen dessen, was der junge Graf nachlässig umhergeworfen hatte.

Weiter trieb ihn das Cabriolet des jungen Edelmannes fast zur Verzweiflung. Findling konnte das leichte Gefährt nur mit hellem Schrecken ansehen. Auf die Gefahr hin, in einen Graben gestürzt zu werden, schien es dem Grafen Ashton ein besonderes Vergnügen, die schlechtesten Wege auszuwählen, wie um seinen, sich an die Riemen des Verdecks klammernden Groom nur um so schlimmer durchgeschüttelt zu sehen. Gestattete es die Witterung, mit dem Tilbury oder dem Dog-cart – das waren die andern Wagen des jungen Piborne – auszufahren, so konnte der Groom wenigstens sichrer sitzen. Leider öffnen sich über der Smaragdnen-Insel die Schleusen des Himmels aber gar zu oft, und nicht selten gar zu unerwartet.

Selten verging ein Tag ohne die Qual mit dem Cabriolet. Einmal wollte er zur Parade nach Kanturk, und dann wieder wurden lange Spazierfahrten in der Umgebung von Trelingar-castle unternommen. Längs der Wege liefen und purzelten dann, mit nackten, von den Kieseln verletzten Füßen ganze Haufen zerlumpter Buben nebenher und riefen athmenlos: »Coppers!... Ein paar Coppers!« Findling gab es einen Stich ins Herz. Er kannte ja das Elend aus eigner Erfahrung und bemitleidete die Jungen. Der Graf Ashton wies sie dagegen barsch ab und bedrohte sie mit der Peitsche, wenn sie näher herankamen. Gern hätte der Knabe den Gassenbuben einige Kupfermünzen zugeworfen, er wagte es aber nicht aus Furcht vor seinem Herrn.

Einmal trat die Versuchung jedoch gar zu stark an ihn heran. Ein hübsches, blondlockiges Kind von etwa vier Jahren schaute ihn mit den großen blauen Augen an und bat um einen Copper. – Die fast werthlose Münze flog der Kleinen zu, die sie mit einem Jubelschrei aufhob....

Der Graf wurde dadurch aufmerksam. Er ertappte seinen Groom auf frischer That bei einem Acte der Barmherzigkeit.

»Wer hat Dir das erlaubt, Boy? fragte er ihn streng.

– Herr Graf... das kleine Mädchen... es macht einem ja so viel Vergnügen... nur einen Copper...

– Ah, so wie man ihn Dir zuwarf, nicht wahr, als Du noch im Lande herumstrichst....