Diese Dame schien demnach kein gar so schlechtes Gedächtniß zu haben, wie sie klagte. Sie führte ihre Erzählung von dem schönen jungen Manne noch bis zum Schlusse, wobei sie nicht undeutlich merken ließ, daß dieser schöne, junge Mann in ihrer Brust kein Felsenherz gefunden hätte, falls es auf einen Versuch angekommen wäre.

In diesem Augenblicke trat Graf Wollheim ein, näherte sich dem alten General und zog ihn mit sich fort. Dadurch wurde den Verzweifelnden und Harrenden Platz gemacht.

„Wirklich,“ setzten jene zwei Damen ihr Gespräch fort: „es war endlich Zeit! Dieser alte General hielt seine Tochter occupirt, als wäre es ein erobertes Land. — Dies ist eine Undelikatesse, wie sie mir noch nie vorgekommen....“

„Was wollen Sie, meine Beste? — — diese Randow’s, so vornehm und stolz sie sein mögen, haben keinen Ton, keinen Takt; bei ihnen ist noch Alles polnisch...“

„Ja, ja, — ganz wojwodenmäßig — bojarisch — baschkirisch — hahaha!“

Wollheim hatte unterdessen den General in einen Winkel gezogen: „Ich bitte Sie um Himmelswillen,“ fing er mit der Miene eines Menschen an, der andeuten will, daß er keinen Spaß versteht: „wo ist denn dieser Edmund hingekommen? Ihr Sohn, Ihr einziger Sohn Edmund? — —“

Es mußte in Wahrheit weit gediehen sein, da der Jäger sich so geradewegs an den Vater seines Intimsten wandte, von dem er doch wußte, daß ihm diese Intimität sehr fatal sei. Aber unser Nimrod dachte, wie jener Araber, der sich seinem Kalifen näherte, um den Aufenthalt von dessen Tochter zu erforschen: „Sagt er mir’s, so weiß ich es genauer, als wenn mir’s ein Anderer sagen würde; sagt er mir’s nicht — so steh ich auf dem alten Fleck — und wegen meines Kopfes ist dann noch immer Zeit Sorge zu tragen; jedenfalls ist der Kopf hier blos Nebensache.“ „Hinsichtlich meines Sohnes Edmund,“ antwortete der General — „weiß ich Ihnen nichts zu sagen, als daß er in letzterer Zeit sich an den Chevalier von Marsan, mehr als mir lieb ist, angeschlossen hat. —“

„Und mehr als mir ebenfalls lieb ist!“ setzte der Jäger im Stillen hinzu: „Aber,“ bemerkte er laut — „sollte es nicht Mittel geben, den jungen Mann von dieser Gesellschaft zu trennen?.. Der Chevalier ist glänzend, verschwenderisch — seine Nähe demnach äußerst gefährlich, wie Sie selbst einsehen werden, mein bester Freund. — Ach! hier sollten Sie fürwahr Ihr Ansehen als Vater geltend machen. Es gilt, einen arglosen Jüngling vor den Fallstricken der Welt zu schützen.... ihn vor einem finstern Abgrunde... zu bewahren. Es ist Christenpflicht! Es ist Vaterpflicht, hier einzuschreiten — glauben Sie mir’s, mein alter Freund Randow...“

Der General, als er Wollheim so pathetisch deklamiren hörte, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; er mochte insgeheim an die Fabel denken: Wie der Fuchs das Lamm vor dem Wolfe warnt — es bleibt indeß doch das Opfer. —

„Lieber Wollheim,“ versetzte er: „es scheint, daß Sie dem Chevalier nicht minder gram sind, als Sie es gut mit meinem Sohne meinen; ich bin Ihnen jedoch, aufrichtig gesagt, weder für das Erste noch für das Zweite sehr verbunden; denn wiewohl ich im Ganzen dieses schrankenlose Anschließen Edmunds an den Chevalier nicht gerne sehe, so muß ich doch gestehen, daß dies keineswegs aus Mißbilligung des, wie Sie sagen, glänzenden und verschwenderischen Charakters Marsans entspringt, welchen Charakter ich im Gegentheil bei einem großen Herrn von diesem Schlage mit Vergnügen erblicke; es ist also hier nicht von den Fehlern Marsans — sondern von dem Uebermaß der Liebe Edmunds zu ihm die Rede. — Sie wissen, wozu eine solche Hingebung führt: man wird ein Sklave, verliert alle selbstständige Würde — u. s. w. — Anderseits, um von dem zweiten Punkte zu reden: so habe ich das Verhältniß, welches bisher zwischen Ihnen, lieber Graf, und meinem Sohne bestand — ebenfalls nicht gebilligt. Abgesehen vom Unterschied der Jahre —“