„Was sagst Du,“ warf er leicht hin — „zu Herrn von Marsan, der, wie ich mich erinnere, gestern längere Zeit mit Dir gesprochen? —“
In diesem Augenblicke überzog eine schreckliche Blässe das Gesicht der jungen Frau — und indem sie starr nach seiner Stirne blickte, schrie sie auf: „Um Gotteswillen! was ist das? Was ist mit Dir geschehen, Alexander? — Deine Stirne ist verwundet — mit Blut unterlaufen....“
„Oh!“ höhnte es in seinem Innern: „die Elende! Welche Ausflucht! — Jetzt da meine Frage sie in die Enge getrieben, weiß sie keinen Ausweg, als daß sie von einer unbedeutenden Verletzung redet, die sie schon längst bemerkt haben muß....“
Ob er Recht hatte, so zu urtheilen, bleibt dahin gestellt. Da jedoch seine Wunde sehr hoch oben auf der Stirne war, so konnte sie zuvor leicht durch sein dunkles Haupthaar bedeckt — und erst jetzt, da er mehrmals mit den Fingern durch dasselbe strich — blosgelegt und von Cölestinen bemerkt worden sein... Sie hatte sich ihm rasch genähert, sein Haupt mit beiden Händen ergriffen und bebend in ihn gedrungen: „Sprich, um Alles in der Welt! Was soll ich denken, Alexander? — Erkläre mir’s! Lasse mich nicht in Ungewißheit? — Dir ist irgend ein Unglück widerfahren! — O rede, rede! hörst Du denn nicht?..“
„Wie man’s nehmen will,“ entgegnete er in dem gleichgiltigsten Tone: „ein Unglück oder auch keins. Jedenfalls aber ist das Ganze nicht dieses Aufhebens werth — und deßhalb laß uns endlich schweigen.“ Er entwand sich sanft ihren Händen, die aber sogleich wieder nach ihm griffen, sich um seinen Hals legten, ihn heran zogen....
„Die nichtswürdigste aller Heuchlerinnen!“ dachte er und ließ sie gewähren. — Indessen jammerte sie fort: „O mein Alexander, o mein Gemahl! Es ist nicht recht von Dir, mir Dein Vertrauen bei einer Gelegenheit wie diese zu entziehen. Womit hätte ich das auch verdient? — Alexander — etwas Besonderes muß seit der ewiglangen Zeit, daß wir uns nicht sahen, vorgefallen sein — — etwas sehr Schlimmes.... mir sagt es mein Herz.... Bei unserer Liebe, bei unserer Treue beschwöre ich Dich, meine Bitte zu erhören!“
Während der letzteren Worte lachte er gellend auf, so daß sie entsetzt von ihm losließ und die Hände zusammenschlagend vom Sitze aufsprang, indem sie rief: „Mein Gott — erbarme Dich seiner und meiner! Träume ich blos oder geschieht das wirklich hier, was ich nicht fassen kann?!“
Er richtete sich nun selbst auf und antwortete ganz in der Art, wie er sie heute seit seinem Eintritt in das Boudoir angenommen: „Aber — meine Freundin, Du bist in der That ganz außer Dir, und ich, ich selbst hätte Grund, jene Fragen an Dich zu stellen. — Was soll denn geschehen sein? Weßhalb erschrickst Du? weßhalb fährst Du von Deinem Sitze so auf — als sei der Tod vor Dich hingetreten? — Es ist ja nichts geschehen — sonst hätte ich Dich davon natürlich schon in Kenntniß gesetzt. — Du starrst noch immer nach meiner Stirne! Nun wohl, diese Wunde von der ich bisher selber nichts wußte — und die ich erst jetzt im Spiegel bemerke — ich muß sie mir im Schlafe geschlagen haben....“
„Nachts im Schlafe?“ schüttelte Cölestine das Haupt.
„Nun ja. Es ist wohl schon vorgekommen, daß man so fest schlief, daß man selbst von einem Stoß an die Wand — an die Säulen der Bettvorhänge — nicht erwachte.... Uebrigens, wie gesagt, ich spüre die Wunde kaum. Ich fühle keinen Schmerz!“