„Sehr bald, liebe Cölestine.“ Er war bereits an der Thür, als sie ihn noch einmal zurückrief — ihn umfing, leidenschaftlich mit Küssen bedeckte und dann mit den Worten zärtlich fortstieß: „Jetzt gehe!“ — Sie wandte sich von ihm ab — gleichsam um sein Scheiden nicht zu sehen. Er aber draußen vor der Thür schüttelte das Haupt, sein Gesicht verfinsterte sich und wild rief er aus: „O schändlich! schändlich! — — und dies Alles ist Lüge..... Falschheit...... Betrug!...“


Fünfzehntes Kapitel.
Abend und Nacht.

Viel beschäftigte den Grafen A—x der Gedanke, wer jener geheimnißvolle Unbekannte sein könne, der wie ein Schatten ihm auf allen Wegen zu folgen schien, um sich von Zeit zu Zeit zu verkörpern und Warnungen zuzurufen, für welche er ihm bis jetzt noch stets dankbar sein zu müssen glaubte — und welche Warnungen diesen mysteriösen, geisterhaften Freund zu seinem Schutzgeiste erhoben. — Bisweilen redete er sich vor, eine Stimme seines eigenen Innern ertheile ihm diese Nachrichten — oder, was dasselbe ist, es seien Ahnungen, die auf solche Weise zu ihm sprächen. — Genug an dem, wegläugnen ließ sich diese Erscheinung, so geheimnißvoll sie auch war, keineswegs.... eben so wenig, wie die Wahrhaftigkeit in ihren Worten. — Auch gehörte der Graf nicht zu jenen hausbackenen Flachköpfen, die dasjenige, was sie nicht begreifen können, kurzweg läugnen... und nach deren Meinung es in der Welt nichts geben kann, was nicht mit ihrer armen Alltagsweisheit übereinstimmt; Menschen, die da glauben, Alles müsse sich mit den Händen greifen und mit den Augen, über welche eine zwei Linien breite Hornhaut einen ewigen Schleier legen kann, sehen lassen.... arme bedauernswürdige Tröpfe, die, gleich den Kindern, welche die Meinung hegen, außer ihrem Dorfe gebe es weiter keins mehr in der Welt, ihre fünf Sinne für das einzige Medium halten, wodurch sie mit dem Universum in Verbindung treten... weil sie von dem sechsten und siebenten göttlicheren Sinn, der im Hirne und in der Brust wohnt, keine Ahnung haben....

Zu diesen spaßhaften Leuten gehörte Graf A—x keineswegs. Nicht daß wir ihm hieraus ein Verdienst machen wollten; in unseren Tagen ist man, Dank den ewigen, Alles wieder zu sich selbst zurückführenden, Gesetzen der Natur — nachdem man sich am schöngedrechselten Springbrunnen der Philosophie hinlänglich vollgetrunken hatte und nun sah, daß es doch nur Wasser war — wieder zu dem einfachen Felsenquell der Natur zurückgekehrt, dessen geheimes Herkommen, dessen sanftes Rauschen uns so Manches erzählt, wovon jene künstlichen Wasserbogen nichts sagen können. Wir sind, sage ich, auf unserer zirkelförmigen Wanderung, von traurigem Halbwissen endlich zu einem glaubensvollen höhern Anschauen gelangt...

Wer war aber jener Warner, falls es ein Mensch wie der Graf selbst war? Er wußte Keinen zu nennen — er kannte Niemand, den er fähig hielt, ein so seltsames und edles Amt bei ihm zu übernehmen. — Nach einigem Nachdenken mußte Alexander seine Forschung völlig einstellen; auch gestehen wir in seinem Namen, diese Sache schien ihm nicht wichtig genug, um sein Augenmerk von einer weit größern lange abzulenken. Welche dieses war, begreifen wir: es war der Gedanke, es war der Schmerz seiner liebenden Seele.

So ungeduldig kann der Räuber hinter einem Felsenvorsprung auf einen die Straße herabkommenden Reisenden nicht warten, um ihm Geld, Glück, Leben und vielleicht den Himmel zu rauben, wie Alexander des morgigen Abends harrte, an welchem er doch — wie er mit Gewißheit annahm — Alles dieses selbst verlieren sollte. — Er glaubte vor Sehnsucht, vor Erwartung rasend zu werden.... die Stunden rollten so unerbittlich gemessen dahin... ihm schien es, als sei jede der doppelte Inbegriff aller früheren. —

Endlich brach die entscheidende an. — Es war um neun Uhr Abends, als der Bediente eintrat, meldend, daß die Equipage bereit stehe. Alexander war im Zimmer wild auf und niedergerannt, er stieß gegen jeden Gegenstand an, ohne es zu wissen, und beinahe hätte er auch seine Frau, die eben in diesem Augenblick von ihrer Toilette zurückkehrte, niedergeworfen.

„Mein Gott, Alexander, was ist Dir denn?“ redete ihn Cölestine an, nachdem der Lakai das Zimmer verlassen hatte: „Ueberhaupt kommst Du mir seit einiger Zeit so sonderbar vor — — Du bist nicht traurig, bist aber auch nicht heiter, und wenn Du lachst, scheint es beinahe, als ob Du Dich dazu zwingen wolltest....“