„Meine gewöhnlichen Anfälle — — krankhafte Reizungen — Du kennst diesen Zustand bei mir; also bringen wir denselben nicht neuerdings zur Sprache...“ versetzte er, indem er ein Paar Handschuhe anzog; den Hut ergreifend fragte er dann: „Bist Du bereit, Cölestine? Können wir gehen?“

„Wenn es Dir gefällt!“ sie legte ihren Arm in den seinen und ging mit ihm die Treppe hinab....

Sie saßen neben einander in einem weiten Batard, und da es überdies auf den Straßen bereits ganz dunkel war, konnte Cölestine sich ihrem Manne ungesehen nähern; sie ergriff seine Hand mit ihren beiden: „Alexander,“ sagte sie mit sanft einschmeichelnder Stimme: „Was hast Du? Es ist nicht Alles so, wie Du mir sagtest. Deine düstere Stimmung hat einen andern Grund.... Alexander!“ wiederholte sie mit rührender Stimme: „soll ich denn Deine Liebe verloren haben — daß Du gar nicht sprichst?“

Dies indeß bewog ihn keineswegs zur Aenderung seines Entschlusses. Wirklich ließ er seine Gemahlin heute und in diesem Augenblick mehr als je eine Kälte, eine Theilnahmlosigkeit fühlen, an welche sie noch nicht gewöhnt war. — Er redete auch nur wenig zu ihr — er beschränkte sich auf die kürzeste Beantwortung ihrer Fragen, durch Ja oder Nein.

„Es ist gleichwohl möglich,“ sagte sie zu sich, — „daß dieser Trübsinn aus der alten Quelle entspringt. — Und so wird er durch Geduld allein zu bannen sein....“

In diesem Augenblick blieb der Wagen stehen, er war vor dem Hause der Generalin E—z angekommen. —

Einsilbig, wie man eingestiegen, verließ man den Wagen und begab sich durch ein hellerleuchtetes Portal zum Saale hinauf. Die Gesellschaft, welche sich hier versammelte, war nicht außerordentlich zahlreich, aber man konnte sie eine gewählte nennen. Die Generalin E—z, alt und ohne Kinder, ohne Erben, verwendete ihr ziemlich ansehnliches Vermögen darauf, ihren Freunden und dadurch sich selbst Vergnügen zu bereiten. — Bei ihr fand man Alles, wornach einer zerstreuungssüchtigen Seele verlangt: die trefflichsten Concerte, Theater, Bälle, literarisch-artistische Matinées u. s. w. u. s. w. Im Sommer wurden kurze Ausflüge nach ihren Landsitzen — im Winter auf diesen echt russische Divertissements: Schlittagen, Rutschpartien und was weiß ich sonst noch, veranstaltet... Hierbei machte dann, da die Frau vom Hause zu einer Glanzrolle dieser Art nicht mehr taugte, stets eine ihrer jüngern Freundinnen die Honneurs, und so kam es, daß ihr Haus in der That unter die besuchtesten gehörte...

Als Cölestine mit ihrem Gemahl eintrat, wurde sie von der Matrone und der Gräfin Wollheim mit jener Auszeichnung empfangen, die man einer jungen Frau, welche in dieser Eigenschaft zum ersten Male unser Haus besucht, immer zu Theil werden läßt. Wie Alexander bemerkte, so war der Chevalier von Marsan schon hier — er stand nach seiner Gewohnheit an der Seite Edmunds und zwischen mehreren Herren, die irgend eine Debatte führten. — Der Chevalier hatte ihn fast in demselben Augenblicke wahrgenommen, und es wäre für einen Psychologen interessant gewesen, diesen heftigen und völlig naturgesetzlichen Moment: das Zusammenfahren zweier feindlicher Elemente, die sich gleich darauf wieder abstoßen, zu beobachten.

Diese zwei Menschen verstanden sich schon vollkommen, sie lasen einer in des andern Seele. Auf ihren beiden Gesichtern spielte ein geringschätzendes Lächeln — und in ihren Augen blitzte das Feuer des Zornes.... Aber als jetzt Alexander nothgedrungen seine Schritte neben dem Chevalier vorbei lenken mußte, grüßte dieser artig und als ein Mann von Welt — während jener es nicht überwinden konnte, diese Eigenschaft völlig zu verläugnen — tyrannisirt von der tödtlichen Eifersucht und dem tödtlichen Rachedurst eines betrogenen Ehemanns. —