Ach, es ist leichter zu hoffen, zu besitzen — als zu verlieren!

Cölestine war bei ihren Freundinnen zurückgeblieben und eilte nun, sich ihrer Mutter, die auch zugegen war, in die Arme zu werfen... Aber ihr Blick folgte von Zeit zu Zeit dem Grafen; wie erschrak sie, als sie ihn jetzt nicht weit von dem Chevalier stehen und diesen mit Blicken und Mienen durchbohren sah...... In einem Augenblicke wurde ihr so Vieles klar. Sie glaubte nun den wahren Ursprung von ihres Mannes Gram zu kennen.... Aber welches Entsetzen faßte sie, als sie in dem nämlichen Augenblicke den Chevalier seinen Platz verlassen und ihn mit Edmund auf sich zukommen sah. — Wenig fehlte und sie wäre umgesunken; sie zitterte an allen Gliedern — diese schienen gelähmt. Sie mußte sich niederlassen und empfing so, mit farblosem Angesichte, die Huldigung der zwei Herren. —

Als jetzt ihr Auge wieder Alexander aufsuchte, sah sie, wie dessen Miene sich zu einem gräßlichen, grinsenden Lachen verzog, während sein Haupt fast unmerklich nickte, — gleichsam als wollte er sagen: „Also so? Es ist gut! —“

Kaum hatte sie dies erblickt, als sie Marsan, der sie in ein längeres Gespräch verflechten zu wollen schien, ohne ihn ausreden zu lassen — rasch und gegen die bisher in allen Gesellschaften herrschende Gewohnheit, verließ — und sich, so schwach sie war, einige Schritte weiter zur Generalin E—z begab, an deren Seite sie Platz nahm...

Marsan schien bei diesem Impromptu einen Augenblick überrascht, sogleich aber faßte er sich wieder und lachte vor sich hin: „Ach, meine reizende Kleine — das war ein Meisterstreich, den Sie da Ihrem Herrn Gemahle spielten!... Freilich etwas ungewöhnlich, aber eben darum um so eher geeignet, ihm Sand in die Augen zu streuen...“

Dieser Alexander hingegen zuckte dabei mit den Achseln und sagte: „Der Kunstgriff ist so plump, daß Du mich fast dauerst, armes Weib! Elendes Weib!“ setzte er zähneknirschend hinzu. Sodann mischte er sich unter eine Gesellschaft, nahm an Allem Theil, was um ihn vorging — ließ sich jedoch vermöge seiner Kunst des Beobachtens, worin er sich ununterbrochen übte, keine Bewegung Cölestinens entgehen. —

Der Chevalier hatte sich ebenfalls auf einen andern Punkt begeben und schien schnell den ganzen früheren Vorfall vergessen zu haben, denn mit aller Unbefangenheit und mit dem feinsten Takte eines Mannes, der zwar Geist und Liebenswürdigkeit, aber kein Herz besitzt — begann dieser glänzende Salonsmann sich mit einem Kreis von Damen zu beschäftigen, die ihn gewiß nicht mehr interessirten, als alle jene Schönheiten der Welt, die er noch mit keinem Auge geschaut. Aber Alexander meinte: „Alles das gehört zu seiner Rolle... Alles das ist schon abgekartet gewesen, bevor wir noch in diesen Salon traten. — Wo aber ist jene Baronesse von Halderstein, um derentwillen Marsan eigentlich erschienen sein soll? Ich sehe sie nirgends. — Und Cölestine wußte es doch so gewiß, daß dieselbe hier zugegen sein werde.... Es handelt sich um nichts anderes, als die beiden sich vis à vis zu bringen.... Hahaha, — Um nichts anderes — nein, um gar nichts sonst! — —“

Eine sonderbare Unruhe war heute an Edmund von Randow sichtbar. — Er hatte Marsan seit jenem letzten Impromptu verlassen und schien deutlich eine Gelegenheit zu suchen, mit seiner Schwester insgeheim zu reden. Er hatte ihr bereits mehrere Winke gegeben — er hatte sich ihr schon einigemal genähert — sie jedoch schien das Alles nicht zu beachten, oder vielmehr, sie vermied absichtlich das Zusammentreffen mit ihm; ohne Zweifel weil sie, die bereits hinlänglich gelesen hatte auf dem Gesichte ihres Mannes, fürchtete, hierdurch dessen Verdacht noch zu nähren. — Die Angst Cölestinens läßt sich nicht beschreiben...

Sie hatte Recht. Selbst dieses Letztere entging den Argusblicken Alexanders nicht: „Dort,“ sprach er, indem er auf Edmund sah, „geht der Busenfreund, der Abgesandte ihres Geliebten, um ihr das zu sagen, wozu für ihn die Gelegenheit nicht günstig ist. O, nicht umsonst hat mein ahnendes Herz diesen Menschen, der sich ihren Bruder nennt, vom ersten Augenblick an gehaßt.“

Die Qual des armen Grafen ward jetzt auch noch durch seine Umgebung erhöht. Da man nämlich am andern Ende des Salons begann, Musik zu machen (Parish-Alvar’s hatte unschuldigerweise eine neue Terzett- und Quartett-Epoche heraufbeschworen) — beschloß unser guter Freund, der Herr von Porgenau, welcher sich an diesem Ende befand, die Gesellschaft hier zu entschädigen, indem er anfing, haarsträubende Witze zu machen, nachdem er natürlich zuvor auf haarsträubende Weise pränumerando gelacht hatte: