Erstes Kapitel.
Eine Morgenszene auf dem Wasserglacis.
Die Morgensonne leuchtete mit goldener Klarheit über der schönen und großen Stadt Wien.
Es ist das Wasserglacis wohin wir uns zum Eingange dieser Erzählung versetzt sehen. Sie kennen doch das Wasserglacis, meine liebenswürdigen Leserinnen, oder mindestens haben Sie davon bereits gehört; Sie wissen also so viel als nöthig ist, nämlich: daß dieses Wasserglacis am Morgen und Vormittags einen der lieblichsten, der herrlichsten Plätze Wiens bildet — des Nachmittags und zur Abendzeit hingegen unter die abscheulichen und vermeidenswerthen Punkte der großen deutschen Metropole gehört — dies, meine holden Leserinnen, werden Sie wohl schon gehört haben. — O schreckliche Wasserglacis-Nachmittage — da sich dort parfumirte Ladendiener, geniale Vagabonden, gutmüthige Limonadetrinker und buntbetakelte alte Kokotten versammeln, in deren Reihen sich einige honette Menschen verirren, wie Fettaugen in eine Gasthaussuppe! — Wie oft hat man das Wasserglacis mit dem Volksgarten in eine Linie zu stellen versucht und diesen letzteren den Bruder von jenem genannt! Ach, das war ein schmähliches Unrecht, welches man dem ehrenwerthen Volksgarten anthat. In diesem hat zu jeder Zeit das bessere — um nicht geradezu zu sagen: das edlere — Element überwogen, was man vom Wasserglacis und dessen Abendunterhaltungen nicht sagen kann — außer, wir wiederholen es, am Morgen und dann noch allenfalls an gewissen Tagen, wenn nämlich von dem Entrepreneur eine Barriere rund um den Platz herum gezogen wird, welches das einzige Mittel ist, (nicht gewisse Leute abzuhalten, sondern) bessere Gesellschaft anzuziehen.
Zur Zeit des Frühjahrs werden jeden Tag hübsche Konzerte auf dem Wasserglacis abgehalten. Hieher strömen dann von der vornehmen und mittleren Welt alle Diejenigen, welche eine Morgenpromenade machen, das Frühstück im Freien nehmen, irgend eine Negotiation bei einem Glase Champagner verrichten oder aber — jetzt hat dieser Ort sogar seine ehrwürdige Seite — Mineralwasser trinken wollen, denn mit letzterem Artikel ist man hier in allen Sorten versehen.
— Es war an einem eben solchen Vormittage, als zwei Herren, deren einer älter, der andere noch ein Jüngling war, in raschen Schritten und eifrigem Gespräche sich dem Etablissement näherten und ungefähr in der Mitte desselben an einem kleinen Tische Platz nahmen. Zufällig oder absichtlich hatten sie sich in den am stärksten bevölkerten Theil des Ortes begeben, was jedoch — sollte es mit Vorsatz geschehen sein — nur durch den ältern Herrn bewirkt worden war, denn sein junger Begleiter schien seit einigen Augenblicken in tiefes Nachsinnen zu versinken.
Um die Gestalt der Beiden zu schildern, werden wenige Striche genügen. Der Aeltere, ein Mann von 50 bis 60 Jahren, ließ auf den ersten Anblick merken, daß es ihm vor Allem darum zu thun sei, so jung als möglich zu scheinen. Es war dies mit einem Worte einer jener greisen Stutzer und Liebesritter, von welchen die Residenzen wimmeln — namentlich seit dort die Schneider, die Friseure, die Zahnärzte und noch manche andere Künstler so große Fortschritte in ihren resp. Fächern gemacht haben. Unser alter Adonis war mittlerer Statur und ausnehmend wohlbeleibt, was weder seinen engen Kleidern noch dem Gurte, welchen er merkbarer Weise unter seinen Kleidern um die Taille oder vielmehr um den Bauch trug — noch auch dem Mieder in seiner Weste gelang, zu verbergen. Sein Gesicht glänzte von Gesundheit, Verliebtheit und jener Schlauheit — die sich selbst betrügt; auf dem Kopfe trug er eine kostbare schwarze Perücke, die von seinem rothen Gesichte abstach wie ein Rabe neben einem Papagei — — welchen Kontrast unser Mann jedoch dadurch zu vermitteln suchte, daß er seinen weißen Schnurbart (er trug einen Schnurbart!), und sogar seine Augenbraunen schwarz färbte. Es läßt sich denken, daß er stets nach der herrschenden Mode gekleidet war, auch Stock und Lorgnette trug, letztere um jede Dame zu begucken, ersteren um seinem ein wenig watschelnden Gange mehr Eleganz zu geben.
Was den jungen Mann betrifft, so wird es hinreichen, einstweilen zu bemerken, daß er ein schöner, schlanker, etwas bleicher Jüngling war, an welchem man weder eine Tugend noch einen Fehler mehr bemerken konnte, als an andern schönen, schlanken und bleichen Jünglingen. Nur melancholisch schien der Arme! Ach, er schien sehr melancholisch.
Einige Zeit hindurch herrschte zwischen beiden tiefe Stille. Der alte Seladon hatte mit seiner Lorgnette vollauf zu thun; er besah sich alle Frauen ringsherum, eine nach der andern — manche zwei, drei Mal, und dabei schnalzte er zeitweise leise mit der Zunge, lächelte verschmitzt und strich sich vorsichtig den gefärbten Schnurbart. Endlich blieb sein kleines Aeuglein mit sichtbarem Vergnügen auf einer von den anwesenden Damen haften und jetzt ließ er ein leises Husten vernehmen.
Dies brachte den Anderen aus dessen Träumereien. Er wandte sich nach dem Alten und sprach: „Also wirklich verhält es sich so, wie Sie mir vorhin erzählten? Wirklich? — — Nein, nein, ich kann es noch nicht glauben. Cölestine von Randow hätte die Absicht, jenem Menschen ihre Hand zu geben, wie? —“