Das Schnarchen, welches sie entwickelten, war bis in den Gesellschaftssaal vernehmbar, wo die Gäste beim Kaffee saßen und wo eine Dame von sehr furchtsamer Natur beständig sagte: „Ich glaube, es zieht ein Gewitter heran. — Ich glaube, es donnert in der Ferne....“

Die Verfassung, worin die Gesellschaft sich nach dem Abgang der beiden Herren befand, war übrigens von bewundernswürdiger Ruhe. Nachdem der Jäger, dessen derbe, waldmännische Natur sattsam bekannt war, sich entfernt hatte — machte man dem Stiftsfräulein bemerklich, daß er ihr mit diesem Letzteren eine glänzende Genugthuung gegeben habe; — Gräfin Wollheim selbst sprach dieses aus und wandte sich noch überdies mit der Versicherung, daß sie selbst das Betragen ihres Mannes mißbillige, an die ungeheuer empfindsame Dame.... so gelang es endlich, dieselbe zu versöhnen, und Alles kam wieder ins rechte Geleis. — Herr von Porgenau machte wieder seine geistvollen Calembours — lachte sich dabei sammt seiner Gemahlin halbtodt — Gräfin Wollheim sprach von der nächsten Zusammenkunft des Frauenstiftsvereins, zu welcher sie bereits drei Unterröcke und sechs Beinkleider fertig liegen habe; zuletzt wurde auch noch die Stiftsdame cordial — sprach von der Immoralität unter den Armen und bemerkte dazu sehr scharfsinnig:

„Wer weiß, was in so manchen dieser Jacken und Beinkleider getrieben werden wird...“

Ja, endlich kam sie sogar auf ihr beliebtes Thema von Nero, wo sie der ganzen Menschheit nur ein Haupt wünschte, um es mit einem Schlage herabzusäbeln... —

Dieses Stiftsfräulein hätte in den Türkenkriegen leben und unter die Janitscharen gehen sollen. Sie würde dort große Dinge vollbracht haben. —


Achtes Kapitel.
Der Chevalier von Marsan.

Der Chevalier von Marsan machte wirklich in der großen Welt gewaltige Sensation. Er hatte sich bereits in den Cirkeln der Fürstin O— M— G—, der Herzogin B—, der Marquise A—, und Re—, der Lady P— und noch in mehreren von den allersublimsten sehen lassen, und Alles war von dem Manne entzückt, der gekommen schien, die Zeiten eines Alcibiades nach modernen Principien zurückzurufen. In Wahrheit, dieser Kavalier vereinigte in sich eine Summe von Liebenswürdigkeit und Vorzügen, die ihn zu einem wahren Prototyp der fasshionablen Männerwelt machten. Es hatte Natur und Kunst für ihn mit einem Worte — Alles gethan, und noch ein Stückchen dazu. Er war schön, reizend, blendend, er war geistreich, witzig, gelehrt, er war vornehm, fürstlich, ja uns dünkt sogar — von königlicher Verwandtschaft; er war reich, mächtig, großmüthig, verschwenderisch, stark wie ein Cyklope und sanft wie eine Hamadryade....

Und doch hatte bei diesem Monstrum von Schönheiten — der Schöpfer Eines vergessen; Dasjenige nämlich, was er ihm schon deßhalb nicht geben kann, weil er ihm alles Uebrige gab, denn Dieses und Jenes sind Gegensätze, die einander aufheben. Dieses Eine, was dem Chevalier fehlte, und welches kein Gott ihm zu ersetzen im Stande war — es war Dasjenige, was gerade einem Charakter die höchste poetische Weihe gibt: es war jene schöne menschliche Mangelhaftigkeit, jener große, oder jene tausend kleinen Fehler, wodurch ein kleines Individuum interessant, ein großes zum tragischen Helden wird. Dieses Ingredienz, dieser Mangel im Menschen, oder eigentlich dieser negative Vorzug ist es ja, welcher uns, in seiner höchsten Potenz, beim Anblick eines Cäsar, eines Byron, eines Napoleon, hinreißt — während uns die makellose, glatte Reinheit eines edlen Menschen blos kalt erhebt. —