Dies ist Alles, was wir von der Begebenheit wissen; hier schnitten wir uns den ferneren Pfad ab — hier eröffnen wir uns denselben wieder und wandeln darauf fort. —

Es ist von uns schon in irgend einem andern Buche gesagt worden — daß es Keiner versuchen möge, die Qualen eines unglücklich Liebenden zu beschreiben; denn für diesen Schmerz haben wir keine Worte, für dies Unglück keine Farben.... Dieser Schmerz ist unbedingt der größte, der tiefste und der zerstörendste, von dem ein Menschenherz getroffen werden kann. — Was sind alle Wunden, alle Qualen, jedes Siechthum des Körpers... was sind alle Leiden des Geistes und Herzens: Armuth, Noth, Verbannung, Demüthigung, Verläumdung, verfehltes Streben, verletzter Ehrgeiz, Verrath des Freundes — Undank des Kindes — — und wie sie alle heißen mögen, die zahllosen Köpfe der Hydra, welche am Herzen der Edelsten genagt haben — — was sind sie alle gegen die Hyänenbisse der Eifersucht, gegen die Harpyien-Wuth betrogener, verrathener Liebe. — — Jedes Leiden, mag es auch noch so groß sein, hat dennoch seine bestimmte Begrenzung — über diesen Umkreis hinaus fängt wieder die Welt für uns an mit ihren, wenn auch noch so wenigen, Freuden.... Nur Liebe, Liebe, zertretene Liebe kennt außer sich keine Empfindung.... denn sie ist so ungeheuer, daß sie den ganzen Raum unseres Daseins einnimmt — unsern ganzen Horizont erfüllt. — Wir haben außer ihr keine Welt — keinen Himmel und keine Erde; — und weil sie denn so ganz und gar Hölle ist, so leben wir in dieser auch vom Scheitel bis zur Sohle....

Fürwahr, wenn Einer es verdient, daß wir ihm eine Zähre des Mitleids weihen, so ist es der unglücklich Liebende.... er, der in seinem größten Schmerze selbst nicht weinen kann.

Da kommen sie dann, die Tage — in denen er sich flüchtet in den Schooß der Wüsten und Einöden — in Höhlen — Klüfte und Abgründe und auf die Gipfel riesiger Berge — hin, wo die wilden Thiere, der Wolf und der Steinadler hausen.... bei denen, wie er glaubt, er mehr Liebe und Treue finden wird, wie unter Menschen.... denn das ist nebenbei auch sein Fluch, daß er, betrogen von einem Weibe, sie alle, ja die ganze Menschheit für Heuchler und Verräther hält.... Da kommen sie dann, die Nächte, in denen allein er wagt zurückzukehren zur Stadt, wo ihn jetzt keine Menschenblicke vergiften — und keine Menschenworte verrathen können.... aber er kommt nicht hierher, um zur gewohnten Lebensweise zurückzukehren — um sein Haus zu betreten oder gar seine Lagerstätte aufzusuchen.... nein, er kam nur, weil ihn unbewußt der Magnet zurückgezogen hat — der ihn zwingt, bei ihrem Hause vorbei zu gehen, wenn sie vielleicht längst schläft — — sich ihrem Fenster gegenüber in irgend einen Winkel zu bergen und es anzustarren — mit der Qual eines Verdammten es anzustarren — hinter dessen herabgelassenen Gardinen sie den süßen Schlaf der Glücklichen schläft.... Aber es dauert nicht lange — so reißt es ihn empor und treibt mit wilder Gewalt ihn von hier weg — weit, weit weg — peitscht mit Wuth seine Füße, daß sie rennen — rasen möchten bis an’s Ende der Welt ...... Jedoch nicht lange verträgt die elende Kreatur diesen Kampf... sie sinkt nieder — und wenig fehlt, so würde sie ihren Geist aushauchen... dessen Leben jedoch aufgespart wird zu neuen Qualen....

So war es auch mit Alexander... so litt und kämpfte auch er. —

Zwei Tage lang blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer, ließ Niemand vor sich, selbst seine treuesten Diener nicht; was er an Lebensbedürfnissen für seine körperliche Hälfte brauchte — ließ er sich wie ein Gefangener durch die Thür reichen. — Da erzählten sich die Diener wunderliche Sagen von ihrem Herrn und was mit demselben vorgegangen sei — so wie von dessen Aussehen. Ein in geheimnißvollen Dingen erfahrner alter Lakai (er hatte früher bei einem englischen Lord gedient, der viel mit Magnetismus, Sterndeuterei und „andern schwarzen Künsten“ sich abgegeben) meinte: des gnädigen Herrn bleiche Miene und sein übernatürlich glänzender Blick — sodann die sonderbar eingesunkenen Wangen deuteten bestimmt — auf einen Verkehr mit überirdischen Mächten hin, welcher in dem verschlossenen Studierzimmer, wo all’ die großen Bücher und die wunderbaren Werkzeuge (Kunstrequisiten) lagen — stattfände...... Wozu ein anderer alter Diener mit einer rothen großen Nase, worauf viele kleine blaue Karbunkel, bemerkte: deshalb höre man zu Zeiten, besonders des Nachts, auch ein so heftiges Gehen und ein so wirres Hin- und Herreden... solche außerordentlichen Rufe, und was dergleichen mehr ist. — Dieser alte Freund hatte — wenn er betrunken war, schon so manchen Geist gesehen...

Am meisten bestärkte der Umstand die Dienerschaft in ihrem Glauben, daß ihr Gebieter — sich standhaft weigerte, seine Frau vor sich kommen zu lassen, trotzdem, daß sie Tag und Nacht darum flehte....

In der That hatte Alexander allen Versuchen, die sie machte, um zu ihm zu gelangen, widerstanden. Ihre Bitten, ihre Klagen, ihr verzweiflungsvolles Flehen verhallte vor der Thür und wurde nur von den todten Wänden, nicht von ihm, vernommen....

Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht, wo er sie mit dem fremden Manne ertappt, hatte sie vergebens gewartet, ihn bei sich in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Boudoir oder im Gemache, wo sie gewöhnlich zusammen frühstückten, eintreten zu sehen.... sie hatte nach ihm geschickt, und als man ihr die Nachricht brachte, er sei noch in seinem Studierzimmer eingeschlossen — — begab sie sich selbst auf den Weg dahin, um ihn, wie sie glaubte, aus allzuemsiger Arbeit hervorzuziehen.... Sie gelangte zur Thür: wie erstaunte sie, dieselbe geschlossen zu finden; jetzt rief sie ihm — jetzt bat sie ihn, sie bei sich einzulassen.... da wuchs ihr Staunen, denn er antwortete nicht. — Nun glaubte sie, er sei nicht mehr hier, und schon wollte sie den Rückweg antreten — — da hörte sie ihn drinnen einen schweren Seufzer ausstoßen.... und voll Entsetzen schrie sie auf: „Um Gott! — Alexander, was ist Dir geschehen? — — Hörst Du mich denn nicht?...“ Und weil er noch immer nicht antwortete, so rief sie Diener herbei und gebot ihnen, die Thür mit Gewalt zu öffnen, wähnend, eine Ohnmacht, irgend eine schreckliche Krankheit habe ihren Gatten überfallen....