In diesem Augenblick ertönte drinnen seine Stimme finster und gebietend: „Mir ist nichts widerfahren! — Wage es Niemand, in meine Nähe zu kommen. Ich werde die übrigen Befehle geben!“ —

Von dieser Stunde an — sehen wir das junge Weib fast den ganzen Tag über und tief in die Nacht hinein sich stundenlang vor der Thür aufhalten und mit ihren stummen und lauten Bitten, mit ihren Thränen und Seufzern die Luft erfüllen.... Doch, wie schon gesagt, er, der Unglückliche drinnen hört sie nicht.... ihn umschließt die glühende eiserne Mauer seines Schmerzes mit den scharfen Zacken der Schande umgeben... dieser Wall ist undurchdringlich. —

Endlich nach vielem Sinnen hatte Cölestine ein Mittel erdacht. In einer Stunde — es war zur tiefen Nachtzeit — nahte sie sich, wie sie so oft gethan, still auf den Fußspitzen dem Zimmer ihres Mannes. Vor der Thür angelangt, horchte sie lange — sie vernahm außer dem Picken einer Pendule, die darinnen stand, nichts — als die tiefen und starken Athemzüge eines in tiefen Schlummer Versunkenen. Es war Alexander. Behende holte sie aus ihrem Busen einen Schlüssel hervor, welchen sie in’s Geheim hatte verfertigen lassen — und steckte ihn behutsam in’s Schlüsselloch.... Welches Glück! Er paßte vollkommen — er drehte sich ohne Geräusch im Schlosse herum... nach zwei Augenblicken war die Thür geöffnet....

Cölestine stand im Gemache ihres Mannes. Sie schloß sogleich hinter sich zu, damit nicht ein Windzug die Thür bewege oder von draußen irgend ein Geräusch hereinschalle. — Auf dem Tische brannte im düstern Lichte die Lampe und beleuchtete die Gestalt Alexanders, welcher angezogen auf einem Ruhebette hingestreckt schlief — und dessen gramgebleichtes Antlitz — worin zwei Tage die Leiden eines halben Lebens eingezeichnet hatten — auf die Brust herabgesunken, ihm das Ansehen eines Mannes gab, der in der Kraft seiner Jahre dahinwelkt — — eine Eiche, getroffen vom scharfen Beil.

Namenloser Schmerz schien die Seele Cölestinens zu durchziehen, als sie das sah — und da sie diesem Schmerz keinen Laut geben durfte, war es ihr, als ob ihre Brust mitten entzwei reißen sollte...

Da schien der Schlafende sich zu bewegen — er wandte sein Haupt nach der Seite und sodann nickte er mit demselben wie zur Bejahung, wobei seine Lippen murmelten:

„Ja, ja, gewiß, sie hat mich betrogen!“

Diese Worte schnitten Cölestinen durch die Seele — sie vermochte sich nicht mehr zu bemeistern — alle Besinnung, alle Kraft hatte sie verlassen — und mit dem lauten Ausrufe, dessen Ton jammervoll klang —:

„Nein! Gewiß, sie hat Dich nicht betrogen!“ stürzte sie vor ihn auf die Steine hin.... ohne nur zu wissen, was sie that.

Alexander erwachte: „Wer ist da?!“ rief er wild auf — und blickte um sich...