„O ewige Vorsicht! — ich habe es geahnt. — So hat mein Fürchten mich nicht getäuscht! ... das, wovon ich am weitesten entfernt bin, wird mir aufgebürdet. — Herr meines Lebens! nimm mich zu dir! Denn, schuldlos, wie ich bin, vermag ich unter so furchtbarer Anklage nicht länger zu athmen!...“
Nach diesen Worten, welche die Arme mit matter, kaum hörbarer Stimme aussprach — — fiel sie auf den Boden hin und verlor alles Bewußtsein....
Sie lag bleich und athemlos da wie eine Leiche.
Er aber stand auf, nahm sie auf seine Arme und trug sie hinweg aus diesem Gemache in eines der ihrigen, sodann rief er Cölestinens Dienerinnen herbei, denen er die Ohnmächtige übergab. Als dieses geschehen war, verfügte er sich wieder in sein Zimmer, verschloß diesmal die Thür mit mehreren Schlössern, rückte zum Ueberfluß noch einen Schrank vor dieselbe und so gesichert vor jedem ferneren Besuch, abgeschnitten von der ganzen Welt, überließ er sich jetzt den finstersten seiner Gedanken.
„Ja, ja,“ sprach er zu sich: „trotz dieses Wehgeschreies und dieser Verzweiflung — trotz dieser dreisten und geläufigen Berufung auf ihren Schöpfer — trotz aller erschütternden Liebesrufe und rührenden Betheuerungen der Unschuld .... ist sie dennoch eine Verrätherin. — Und eben deshalb eine um so größere! — — — Hab’ ich sie doch mit diesen meinen eigenen Augen auf frischer That ertappt — — wär’ mir daran gelegen gewesen — so hätte ich mit zwei Schritten am Schauplatze des Verbrechens sein und es mit Händen greifen können..... Und dennoch, dennoch dieser Schmerz, diese Thränen, diese Schwüre, diese Verzweiflung — diese Anrufung Gottes.... O, sie ist die abgefeimteste Heuchlerin, die je von der Erde getragen wurde! Aus ihr könnte man tausend Verrätherinnen und Giftmischerinnen und Mörderinnen machen..... Lass’t ihr Blut auf die Erde tröpfeln — und ihr vergiftet die ganze Erde — diesen alten, harten, felsigen Ball, der schon so vielen Uebeln widerstanden! — Sie ist ein Teufel mit dem Lächeln eines Engels im Gesichte und dem Glorienschein einer Heiligen um das Haupt....“ Er schwieg einige Augenblicke.... „Böses, böses Weib!“ fuhr er darauf fort.... „Wer hätte das Alles in ihr gesucht?! — — Als ich sie zum ersten Male sah, trat sie als eine jener zarten Jungfrauen, deren Seele eine Lilie ist, eine Lilie aus dem Garten Gottes — vor mich .... sie trat als holde, lieblich-unschuldige Fee, als eine jener guten Feen, die in alten Zeiten die Schutzgeister der Menschen waren, vor mein Angesicht — — — — damals, damals hätte ich, wären die Gedanken meines Hirnes nur im geringsten fähig gewesen, sie zu beflecken, den Blitz des Himmels selbst auf mich herabgerufen, daß er mich zerschmettere.... Damals! Ach, welche Zeiten und welche Gefühle! — — Und jetzt, jetzt! — — Wer hätte glauben sollen — daß trotz ihrer elysäischen Gestalten und ihrer ambrosischen Düfte jene Zeiten doch nur von Trug und Verrath geschwängert waren?.... Allein, so ist der Mensch! Er hofft und vertraut bis zu des Abgrunds Rand — und glaubt nicht eher an ihn, als bis er hineingestürzt ist und sich windet mit zerschmettertem Haupte zwischen Molchen und scheußlichen Ungeheuern....“
Der Graf ging lange im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen, ohne nur einmal aufzublicken — — aber im Stillen hielt er eine entsetzliche Gedankenjagd — — und die schwarzen Ideen tummelten sich immer dichter neben ihm — um ihn und über ihm... sie schlossen ihn von allen Seiten ein, wie ein wildes Heer von dämonischen Erd- und Luftgeistern....
Da brach der erste Lichtstrahl der heraufsteigenden Morgensonne durch den Rand seiner Gardinen und traf sein Antlitz.... und als wäre ein Bote des Ewigen zu ihm herangeflogen und hätte seine Stirne mit glänzenden Strahlenfingern berührt.... erhob aus dem wilden dunkeln blutigen Chaos seiner Seele sich ein weißer Gedanke, so daß er schrie:
„Und wenn sie dennoch unschuldig wäre?!!“
„O mein Gott!“ flüsterte er leise: „was hätte ich dann gethan!“