Mit dieser Idee entschlief er bald darauf, denn sein Physisches vermochte nicht länger dieser unsäglichen und abwechselnden An- und Abspannung zu widerstehen.
Viertes Kapitel.
Hoffnung, Verzweiflung, Resignation.
Als Alexander erwachte, mochte es bereits wieder gegen Abend sein, wenigstens umgab ihn im Zimmer eine Dunkelheit, welche nicht allein durch die ausgebrannte Lampe erzeugt ward. Doch was kümmerte ihn Zeit, Licht, Sonnenschein — Finsterniß.... lebte er doch kaum mehr in der Außenwelt, sondern hatte sich ganz zurückgezogen in den tiefsten Winkel seines Herzens. Die Idee, mit welcher er eingeschlafen war — begleitete auch wieder sein Erwachen, und darum war dies das freundlichste seit vielen Tagen. —
Ja, sie konnte dennoch unschuldig sein! — Trotz aller Beweise, trotz aller Zeugnisse, worunter die wichtigsten allerdings die seiner eigenen Augen waren — konnte doch dasjenige, was schon tausendmal geschehen war, auch noch dies eine Mal eintreffen: Cölestine konnte verkannt, verläumdet, sie konnte durch eines boshaften Dämons Gaukelei verläumdet worden sein. — Denn ist es wohl nicht schon vorgekommen — daß man z. B. einen Unglücklichen des Mordes — eine Unglückliche der Giftmischerei überführt hatte .... sie starben den Tod des Gesetzes.... und nach Jahren erwies es sich, daß sie unschuldig waren?
Ach, die Liebe klammert sich so gerne an einen solchen Hoffnungsanker an — und zwar erst dann recht eifrig, wenn des Sturmes Wuth wild über sie eingebrochen ist. — Die Liebe, wenn sie zur Leidenschaft, zur Tyrannei geworden — lebt in Contrasten und ist bisweilen fähig, von der rasendsten Eifersucht — zur fanatischen Gläubigkeit umzuspringen.... je nachdem diese oder jene ihr Befriedigung schafft. — „Nie,“ sagt ein geistreicher deutscher Schriftsteller,[B] „war eine Liebe echt und tief, wenn dieselbe nicht fähig ist, heute für denselben Gegenstand zu leben — für welchen sie gestern in den Tod gehen wollte.....“
Weshalb sollte der arme Gatte nicht den Trost hinnehmen, der ihm plötzlich wie durch unsichtbare Geisterschwingen zugeweht wurde — da dieser Trost seinem leidensheißen Herzen doch so wohl that? — — Und daß er ihm kam — wenn es auch noch so plötzlich, noch so unerwartet und unbestimmt geschah — — wer wird daran zweifeln, wenn er anders das Menschenherz kennt? — Kommen und gehen von Augenblick zu Augenblick nicht die verschiedenartigsten Empfindungen in und aus uns — — ohne daß wir wüßten, woher und wohin? — — Aber sie kommen doch und scheiden doch.... das ist gewiß — — und es scheint uns dann, als würde mit einem Male ein Räthsel aufgelöst durch unsichtbare Hände — — wozu wir uns lange vergebliche Mühe gaben.
O — trotz unseren enormen Fortschritten im Felde der Erkenntniß sind wir noch lange nicht dahin gekommen, die einfachsten Dinge, welche uns umgeben, zu verstehen. —