Alexander erhob sich vom Lager. Er begann wieder seine Wanderungen durch’s Gemach. Bunte Bilder flohen vor ihm vorüber — lange hatte sein Auge freundlicher Farben entbehrt...

„Nein, nein!“ rief er aus —: „so sehr kann Lüge die Wahrheit doch nicht nachahmen!... Sie kann Thränen weinen — Seufzer ausstoßen — sie kann sich im Staube winden und verzweiflungsvoll aufschreien, daß sie unschuldig sei... sie kann Alles, Alles, was körperlich und sichtbar erscheint, imitiren, wie wir es am guten Schauspieler sehen; jedoch sie kann den Popanz, welchen sie geschaffen, nicht beleben — kann ihm keine Seele einhauchen — kann ihm jene geistige Gewalt nicht verleihen, die allmächtig zu unserem Geiste spricht, diesen zu sich hinreißt, daß er nicht widerstehen kann und sich mit ihr vereiniget, versöhnt. — Das, das kann die Lüge nicht! — Das ist nur der Himmelstochter Wahrheit vorbehalten. — — — — Und,“ rief er frohlockend aus: „ihren Einfluß habe ich erfahren — — obgleich erst jetzt, jetzt dies Bewußtsein in mir aufgegangen.... Cölestine ist keine Verbrecherin... dies wird mir so klar, daß ich erstaune und mich verfluche, es nicht längst eingesehen zu haben....“

„Allein — ich weiß schon, weshalb es nicht geschah! Ich wollte nicht, daß es geschehe... ich widersetzte mich gewaltsam der Ueberzeugung! Ich Thor — ich Elender marterte mich geflissentlich mit Schrecknissen, die nicht sind noch waren.“

Voll von dieser neuen Aussicht auf eine neue schöne und blühende Welt — machte Alexander sich auf und verließ sein Zimmer, entschlossen, seine Gemahlin aufzusuchen, sich zu ihren Füßen zu werfen und in einer Fluth reuiger Thränen seine Schuld abzuwaschen; denn er hoffte, daß Cölestinens, aus einem Himmel von Güte und Liebe bestehendes Herz sie ihm verzeihen werde....

Als er auf den Corridor trat, sah er, daß es in der That bereits wieder dunkel sei. Im Hause war Alles still — man rüstete sich zum Schlafengehen. So gelangte er, ohne gesehen zu werden, vor die Wohnzimmer seiner Frau. Auch hier herrschte die tiefste Stille — auch hier begegnete man Niemand. Alexander glaubte zuerst, Cölestine sei entweder nicht zu Hause oder sie habe sich in ihre hintersten Gemächer zurückgezogen — — da vernahm er plötzlich ihre Stimme, die im zweiten Zimmer Jemand einen Auftrag zu geben schien... und obgleich diese Stimme kraftlos und eintönig redete, hatte er doch folgende Worte verstanden: „Aber — um Alles in der Welt, daß kein Auge dies Schreiben erblickt, noch Euch selbst, die Ihr damit fortgeht. Stanislaw — ich vertraue Dir hier mein halbes Leben an.... erinnere Dich, daß Du seit 30 Jahren der treueste Diener unseres Hauses bist.... Vermeide besonders die Zimmer des Grafen....“

Diese leisen Worte machten Alexander fast taub; er, der erst so heiter, so rasch, so leichtfüßig hierher kam, vermochte in diesem Augenblicke sich kaum aufrecht zu halten.... Er zog sich seitwärts von der Thür zurück, lehnte sich hier an die Wand — und lauerte auf den Boten. — Dieser trat wirklich heraus — aber in demselben Momente stürzte sein Gebieter auf ihn und entriß ihm den Brief.......

Er war an den Chevalier von Marsan gerichtet und enthielt folgende Zeilen...:

„Ich bin krank und im höchsten Grade geschwächt — vermag also nicht an dem bestimmten Orte zu erscheinen; ich hoffe daher, daß Sie die Mühe auf sich nehmen werden, zu mir zu kommen — — — doch säumen Sie keinen Augenblick. Es erwartet Sie mit Ungeduld

Cölestine v. A—x.