ein mäßiges Stückfaß wurde zu ihm hereingerollt — er schloß sich mit demselben ein und war für diesen Tag, sowie für kommende Nacht nicht mehr zu sehen. —
Althing hatte sich behende aus dem Menschenknäuel losgewickelt, er war den Blicken entschwunden, bevor diese Zeit hatten, sich von dem weit interessanteren Objekte, dem Jäger — abzuwenden... er eilte, flog in Sturmesschritten der himmelblauen Pelerine nach. —
Jedoch sie verdiente es auch. Es war eine köstliche Blondine von 16–18 Jahren oder etwas drüber. — Allein unser Althing war auch ein Kenner, das mußte man ihm lassen. Wäre Alles bei ihm so vortrefflich bestellt gewesen, wie diese Eigenschaft — dann freilich würde er weit seltener in die Lage gekommen sein, schrecklich immer nur in Illusionen zu schweben — was indeß für ihn keineswegs ein Unglück zu sein schien, denn er hatte das Talent, nicht daran zu glauben — — er hatte das seltene Vermögen, aus allen Unglücksfällen zusammengenommen sich erst so recht sein Glück herauszubilden: er war dem Schicksal gegenüber die personifizirte Ironie.
Endlich holte er seine Pelerine ein: „Allerliebst!“ rief er sich zu: „sie hat sich so eben wieder nach mir umgesehen! Ihr Auge schien mich schmelzen zu wollen. — Hehehe! Das Glück, Freund Althing, kennt weder Ziel noch Maaß... Dies ist heute schon die dritte, welcher ich zugleich in den Weg laufe und die mich nicht mehr losläßt.... Aber ist das auch recht von dir, Spitzbube von einem Don Juan? — Du liegst bis über die Schultern bereits in andern Liebesfesseln — man hofft auf deine Treue — man würde unglücklich werden, falls man dich des Gegentheils fähig hielte — — man würde sich den Tod um dich geben... und dennoch läufst du da dieser kleinen Schelmin nach — — die bereits heute die — — ach, ich vergesse es immer — die wievielte sie sei — ja richtig, die dritte ist sie! — Bei meiner Annehmlichkeit! Das ist nicht recht — das!!... Und jetzt ist gerade die Stunde, wo sie mir, meine holde Nina, das Rendezvous geben will, Nina, die mich seit vier Tagen bei sich empfängt, in ihrem kleinen Zimmerchen — — welches Zimmerchen sattsam unsere beiderseitigen Schwüre gehört hat.... u. s. w. u. s. w. — —“
Er sprach hier die volle Wahrheit, — das Alles verhielt sich wirklich so, wie er sagte; diese Nina empfing ihn in der That bei sich, schwur ihm in der That heiße Liebe und ewige Treue — gab ihm große Beweise.... wie sie das jedoch meinte, wird sich später zeigen...
Althing ging jetzt dicht hinter der blauen Pelerine einher, sie mußte, falls sie sich jetzt noch einmal umsah, unmittelbar in sein rothglänzendes Gesicht, gleichsam wie eine blutig aufsteigende Sonnenscheibe, sehen — — und es ließ sich erwarten, daß dadurch ihre Augen geblendet würden.... Wirklich geschah dies ganz so. Sie sah sich um, sie fuhr erschrocken zusammen vor Althings Strahlenangesichte.... sie bedeckte sich obendrein auch noch die Augen.... kurz unser Dicker glaubte das Recht zu haben, so zu sich zu sprechen:
„Ah! Ah! — das ist zu stark! — Das hätte die Welt sehen sollen! — O warum ist in diesem Augenblick hier nicht das Menschengeschlecht versammelt, um Zeuge meines Triumphes zu sein!... Bei Gott! Venus, — meine Beschützerin! so Etwas ist einer einfachen Mannsperson noch gar nicht passirt! — Das sollte gedruckt, — unbedingt gedruckt, oder noch besser — in Erz gegossen werden, um der Unsterblichkeit anheimzufallen. — Aber, ach! Was sollte dir unmöglich sein, mächtiger Althing! — In der That — — ich fange an, rasenden Respect vor mir selbst zu bekommen und mich für eine Art von Auserwählten des Himmels zu halten ... für ein Wesen, das mehr ist als Mensch... für einen Halb- oder wenigstens Viertels-Gott ... Schade, daß ich die nähere Eintheilung dieser mythologischen Materie nicht genauer kenne. — Und warum,“ fuhr er fort, immerwährend seinen Platz hinter der jungen Dame behauptend — „schlägt sie jetzt mit ihrer Gesellschaft diesen Seitenweg da ein?... Ach! sicherlich will sie in’s Paradies-Gärtchen gehen — in den Salon — ein abgesondertes Kabinetchen... hehehe! hab’ ich’s nicht errathen? — Freund Althing... ich sage Dir: du wirst in Zeit von einer Viertelstunde die Seligkeiten der hohen Olympier genießen — unter deren Zahl du gewissermaßen auch schon gehörst....“
In diesem Augenblick betraten jene Damen wirklich das Paradiesgärtlein, jedoch hielten sie sich in dem dortigen Etablissement nicht auf, sondern durchschritten dasselbe, um sich hinten durch die Burg nach der Stadt zu begeben... „Gleichviel!“ murmelte Althing: „der Ort macht es nicht aus — sondern die Gelegenheit. — Wahrscheinlich will sie einen bessern Platz finden.... oder aber, was noch möglicher ist — ihre Gesellschaft, worunter mir eine Mama zu sein scheint, gibt es nicht zu, steht ihr im Wege... Nun, wir werden bald sehen — was so viel heißt, als siegen!“
Endlich in einem Gäßchen zwischen der Bastei und der Stadt blieb die Pelerine mit ihrer Begleiterschaft stehen: „Aha!“ lachte der Dicke: „jetzt wird’s losgehen! Mache dich gefaßt, Althing! Ueberwinde sie! Werfe sie in einem Augenblick zu deinen Füßen....“
Die Pelerine drehte sich um — — und winkte ihm... „O! das hatte ich erwartet! die Festung ist erstürmt!“ Kaum hatte er dies gesagt — so trat er vor das Mädchen hin und verbeugte sich mit einer lächelnden und stolzen Miene, die einem Cäsar wohl angestanden hätte: „Sie sind sehr gütig, mein Fräulein,“ begann er in vornehm-nachlässigem Tone — — und lüftete den Hut ein wenig.... „Sie kennen mich gewiß schon längst!“ fuhr er mit einer kühnen Ueberzeugung von seiner berühmten Liebenswürdigkeit fort.