Natürlich, daß Alexander vor der Gesellschaft und besonders vor seiner Gemahlin einen Ort geheim zu halten suchte, an welchen sich ein Abschnitt seines Lebens knüpfte, den er in gereifteren Jahren und namentlich unter seinen ersten Verhältnissen zu Cölestine alle Ursache hatte zu desavouiren. — Man wußte wohl, daß er wild und unbändig gelebt hatte — aber wo dies stattgefunden, konnte Niemand sagen. — Jetzt in der verhängnißvollsten Lage seines Lebens erndtete Alexander die Früchte seiner klugen Verschwiegenheit — — er konnte, da er sich von seinem Hause und von der Welt trennte, in ein Schloß einziehen, von dem Niemand Kunde hatte, und wo er gesichert war, wie ein Verstorbener.

Seit seiner Trennung von Cölestine lebte er hier. Wie uns bewußt ist, war seine Umgebung sehr klein und beschränkte sich auf den Sekretär und einige Diener, auf deren Treue und Verschwiegenheit er bauen konnte. Die Absicht, mit der er hierher gekommen, war, sich von allen Geschäften und vom Verkehr mit der Gesellschaft überhaupt zurückzuziehen und in Zukunft nur mehr als freiwilliger Verbannter, als Anachoret zu leben, zurückgezogen in seinen Stolz, in seinen Groll. — In späteren Jahren wollte er nebenbei auch noch eine Reise, vielleicht eine sehr große vornehmen — stets jedoch seine Einsamkeit behaupten. Er glaubte, die Welt hinlänglich kennen gelernt zu haben, und — fand nur Verachtungswürdiges in ihrem Bereiche. Denn es hatte ihn nicht nur sein Weib betrogen — seine Freunde, seine Bekannten, die, welche sich seine Getreuen, seine Brüder nannten — sie Alle, aus früherer sowohl wie späterer Zeit, waren falsch, tückisch, heuchlerisch und feige gewesen, hatten ihm geschmeichelt, so lange es ihr Vortheil war, und flohen ihn, als er in’s Unglück kam. Diese Ansichten — welche übrigens bei ihm schon seit langer Zeit existirten — waren jedoch nicht ganz das Resultat des Lebens, wie er glaubte, sondern sie beruhten großentheils auf seinem krankhaften, trübsinnigen und düstern Charakter, den wir hinlänglich kennen. — Mag dem indeß sein, wie ihm wolle, er war ein Unglücklicher, in der That ein solcher, und nicht blos ein affektirender... Er verdient beklagt und nicht verspottet zu werden.

Es wäre hier vielleicht der passende Ort, zwischen diesem Charakter und einigen ähnlichen, welche die neuere Poesie hervorgebracht hat, eine Parallele zu ziehen — denn die moderne Romantik und Dramatik ist reich an düstern und stolzen Melancholikern — wie die moderne Zeit, diese Zeit schwärmerischer, hochklingender Wünsche und schaler, trauriger Erfolge. Sollen wir hier die Lara’s, die Corsaren, die Werther, die Meinau’s, die Arthur’s, die Wally’s, die Helden Georg Sand’s citiren? — Doch nein, wir enthalten uns dessen, es würde doch eine undankbare Mühe sein, da man mit diesem Thema gegen eine nüchterne unbarmherzige Kritik stößt — der es gefällt, dasjenige wegzuspotten, was doch vor ihren Augen in düsterer Wirklichkeit steht — wollte sie sich nur die Mühe nehmen, die Augen aufzuthun. — Aber schon weil man so gerne darüber spottet — existirt es; denn am heftigsten hat sich die Satyre stets gegen das Bestehende gerichtet. —

Die Lebensweise Alexanders auf dem alten Schlosse war einförmig und bitterlich traurig. Er bewohnte einige Zimmer, die ihm die Aussicht auf den Wald und See boten, von welchen zwei Seiten des Schlosses umgeben waren. Diese Zimmer standen noch so, wie sie einer seiner Vorfahren mütterlicher Seits vor mehr als 100 Jahren verlassen hatte. Da sich die Conservationssorgen des Verwalters vorzüglich diesem Theile des Hauses zuwandten, so war es ihm gelungen, hier Alles noch im reinsten Geschmacke der Zeit der Theresia zu erhalten ... Diese Zeit aber, die Freundin eines eben so prunkenden als reellen Luxus, hatte hier in fünf oder sechs Gemächern einen Reichthum an Sachen und Verzierungen aufgehäuft, womit man heut zu Tage ein großes, weitläuftiges Haus vollständig versehen könnte. — — Die schweren Seiden- und Sammttapeten, welche die Wände verhüllten, waren allein so viel werth, wie das ganze Ameublement einer mäßigen Wohnung unserer Zeit... Diese prachtvollen Spiegel aus venetianischen Fabriken — diese kunstreichen Uhren in kolossalen Gehäusen, wovon jedes ein Meisterwerk damaliger Kunst... diese Armstühle, schwer vergoldet und mit dicken Brokatstoffen, woran tausenderlei Blumen und Farben glänzten, überzogen... diese Tische aus einem Eichenholz, welches noch jetzt hart war wie Granit — — diese Schränke mit den in’s Fabelhafte gehenden Arabesken überladen — — diese Tischchen und Kästchen von eingelegter Arbeit... endlich diese großen Familien- und Schlachtengemälde aus einer Schule, die es mit den besten unserer Zeit aufnehmen konnte... und zum Schlusse noch alles das Uebrige, wovon eine hochadelige Wohnung damaliger Zeit erfüllt war und worunter sich Gegenstände befanden, deren Namen uns nicht einmal mehr geläufig sind... kurz in dieser Umgebung von 1700 und einigen Jahren lebte jetzt Alexander, ein moderner Mann, ein Zeitgenosse von uns.

Noch vor Tagesanbruch erhob er sich aus seinem feudalen Himmelbette, kleidete sich ohne Beihilfe eines Kammerdieners an und lehnte sich durch’s offene Fenster in die kalte Luft eines dunklen Wintermorgens hinaus.... Es machte ihm ein stolzes Vergnügen, die Natur vor sich in ihrer erhabenen Erstarrung — den Himmel in seinem grauen, zerrissenen Königsmantel zu sehen.... Und wenn so kein einziges Sternlein blinkte — der Mond sich dicht verhüllt hatte — wenn der karge Wiederschein des Eises und Schnees das einzige Licht des Horizontes war — daß solchergestalt dessen Dunkelheit erst recht sichtbar wurde... dann freute sich sein Herz, denn es fand jetzt Uebereinstimmung mit sich selbst, nach der ja ein jedes Herz verlangt — mag dieser Einklang auch noch so traurig sein. Die Dienerschaft hatte den strengsten Auftrag, sich ihm nie anders, als gerufen zu nähern — — und oft verging ein halber Tag, ehe er nach dem Verwalter, Sekretär oder sonst Jemand verlangte. — Häufig noch vor Sonnenaufgang ging der Graf in einen Mantel gehüllt hinaus in’s Freie und streifte bis in den abgelegensten Theil der Landschaft hinaus... Der Jäger traf ihn dann am Morgen mitten im Walde eine Meile vom Schlosse entfernt. Hier saß er auf einem hohen Felsenvorsprung — — und starrte hinaus in’s Leere, Gott weiß wohin.... der Jäger aber schlug ein Kreuz, denn dieser Felsen war aus der Vorzeit her sehr berüchtigt, was schon sein Name „der Heidenfelsen“ hinlänglich andeutet — und überdies noch leiblich gefährlich, denn von ihm war es so schwer herab zu kommen, daß Niemand Lust hatte, hinauf zu gehen....

Die übrigen Stunden des Vormittags brachte Alexander eingeschlossen in seiner Bibliothek zu, die hier sehr alt, aber eben deshalb ganz seinem Bedürfniß gemäß war. — Besonders an diese Bibliothek knüpfte der gemeine Aberglaube — seine Beweise an. — Hier wie dort in der Stadt übten die großen Bücher und unerklärbaren Instrumente auf die guten Leute der Gesindstube und des Dorfes eine unheimliche Macht aus; denn die Macht der Bücher ist so gewaltig, daß derjenige, welcher sich sträubt, den Gott in ihnen anzuerkennen, wenigstens vor dem Teufel zittern muß, den sie enthalten sollen. —

Das Mittagsmahl verzehrte Alexander ebenfalls einsam in einem weitläuftigen Speisesaale, was einen sonderbaren, gespensterhaften Anblick bot und die Diener, welche die Speisen hereintrugen, zittern machte, so daß sie zwei oder drei Mal schon die Teller hatten fallen und den Wein auf die Tafeldecke fließen lassen.... Nur wenn der Sekretär oder der Verwalter ihren Herrn dringend zu sprechen hatten, durften sie ihn bei seiner einsamen Mahlzeit — dafür aber auch zu keiner andern Stunde — besuchen, und er wies ihnen dann sich gegenüber einen Platz an, jedoch ohne sie zum Essen aufzufordern.... was einiger Maßen der Mahlzeit mit dem steinernen Gaste ähnlich sah. —

Nach Tische machte er einen Ritt — Niemand wußte wohin, denn noch Niemand hatte ihn hierbei begleitet. — Oft kehrte er erst in später Nacht zurück, schweißtriefend oder durchnäßt vom Unwetter, das Pferd aber häufig so ermattet, daß er es lange nicht wieder brauchen konnte und der aufmerksamsten Pflege übergeben mußte.

Die schroffe Abgesondertheit, welche er im Schlosse gegenüber seinen Beamten und Dienern behauptete... änderte er auch nicht außerhalb desselben — und er blieb seinen Unterthanen jetzt eben so fremd, wie er es ihnen seit jeher gewesen war. — Nur in einer Hinsicht priesen sie sich, im Vergleich zu jenen früheren Zeiten, glücklich, und ihre diesfälligen Befürchtungen waren nicht eingetroffen. Früher verdarb er mit seinen Gesellen ihre Felder — hetzte ihr Vieh — und bei den Jagden sie selbst — entführte ihre Mädchen — und lästerte ihren Gott.... jetzt that er, wenn auch nicht unmittelbar, fast eben so viel Gutes an ihnen; so zwar, als hätte er den Willen gehabt, ihnen den alten Schaden zehnfach zu ersetzen, und Wunden, welche längst vernarbt waren, als frischgeschlagene zu heilen. — In kurzer Zeit wurde der Name des „gnädigen Herrn Grafen“ eben so gesegnet, als er früher verflucht ward — und während man damals wünschte, jener Teufel, mit dem er einen Bund geschlossen, möchte ihn recht bald holen — betete man nunmehr für die Seele des armen Herrn, auf daß ihr Satan und seine höllische Macht fern bleibe. — In Wahrheit, eines Tages begab sich eine Deputation aus den zwei nächsten Dörfern zum Pfarrer und ersuchte denselben ernstlich, kraft seiner priesterlichen Würde in dieser Sache das Seinige zu thun, was in nichts Geringerem bestehen sollte, als in der Austreibung Beelzebubs aus dem Leibe des „gnädigen Herrn.“ Der Pfarrer — ein in dieser Hinsicht mit ihnen auf gleicher Geistesstufe stehender Mann — nahm Alles wirklich so, wie es ihm geboten wurde, und versprach, nach Kräften für die Erlösung des Gutsherrn zu wirken; hierbei schien ihm der Exorzismus eben so wohl das einzige, wie das unzweifelhafteste Mittel, da dies Mittel sich obendrein erst vor Kurzem an einer Viehmagd bewährt hatte, die nächtlich stets von einem großen, dicken bösen Geiste geplagt wurde, der in ihren Stall kam und sie während des Schlafes (die Dirne hatte einen etwas kräftigen Schlaf,) so lange quälte und drückte, bis sie stets davon erwachte und ihn mit dem Besen davon trieb. — Seit der Geistliche nun den Exorzismus mit ihr vorgenommen hatte — war vom Teufel keine Spur mehr zu sehen. — Zufällig nur erkrankte um dieselbe Zeit ein großer dicker Knecht in der Nachbarschaft, welcher Umstand jedoch weder von der Magd, noch vom Teufelsbanner, noch aber von den andern klugen Köpfen des Dorfes berücksichtigt wurde.

Der Pfarrer empfing die Deputation in seinem Hofe, als er eben aus dem Gänsestall, mit einer fetten Gans unter dem Arme, kam: „Also, Ihr meint, der gnädige Herr sei wirklich vom — Gott sei bei uns besessen, liebe Kinder?“