„Ach — es gibt Leute, die so Etwas nicht einsehen!“ bemerkte die Stiftsdame: „die von Natur dazu geboren sind, Disharmonie in der Welt zu erzeugen — und ihren Eltern, ihren Gatten, Freunden und der ganzen Menschheit das Gehör zu zerreißen.... Trotzdem aber geben sie sich große Mühe, für absonderliche Tonkünstler und Tonkünstlerinnen zu gelten.... O man kennt diese Gattung!“
„— — Können Sie mir nicht sagen, liebste Beste —“ fing die Vorige nach einer Pause an: „wie es mit dem armen Grafen von A—x steht. Hat man noch keine Nachrichten von ihm — und weiß man nichts über seinen Aufenthalt, seine Lebensweise?“
„Es thut mir leid,“ versetzte die Stiftsdame — „Ihnen damit nicht dienen zu können. — Zuverläßlich jedoch hat sich der würdige und hochgeschätzte Graf nach irgend einer entfernten Gegend begeben... denn ich zweifle, daß er es in dieser Stadt oder in geringer Entfernung von derselben lange hätte aushalten können. — — Man würde in kurzer Zeit Gelegenheit gefunden haben — — das alte Spiel zu erneuern... man hätte durch eine kluge, listige Behandlung ihn nach und nach wieder zu gewinnen verstanden... man hätte durch zweite und dritte Personen auf ihn gewirkt.... oder auch durch Briefe....“
„Das Alles,“ erhob jetzt ein Herr, der wie aus den Wolken gefallen schien, den Niemand kommen und hier auftreten sah, sondern der hier inmitten dieser würdigen Damen plötzlich empor tauchte, seine Stimme: „das Alles,“ sagte er, „ist geschehen, meine Damen. Obgleich der Graf von A—x hundert Meilen von hier entfernt in einem verborgenen Thale, einsam wie Timon und verschanzt wie dieser, lebt — hat man doch Mittel gefunden, ihn auszukundschaften, hat sein heiliges Asyl entweiht — hat seiner Einsamkeit und Trauer nicht geschont — hat ihn durch feile Zwischenträger belagern — mit Lügen und Versprechungen bestürmen lassen.... kurz hat ihm zum zweiten Male eine arglistige Lockspeise vorsetzen lassen, um ihn zum zweiten Male damit zu vergiften.....“
Seit Kurzem war Cölestine gezwungen, diesem Gespräch zuzuhören, denn es wurde immer lauter geführt. Bei den letzten Worten sah man ein tödtliches Grau über ihr Gesicht ziehen.... sie bebte an allen Gliedern, und eben schien sie die Besinnung verlieren zu wollen, als der Ruf:
„Ihre Romanze ist an der Reihe, Gräfin!“ sie weckte und mit einer Art künstlicher, elektrischer, gewaltsamer Lebenskraft erfüllte.
Sie stand auf und ging an den Flügel.
Hier nahm sie neben einem Herrn, der sie accompagniren sollte, Platz. Aber als man die Notenhefte der Romanze suchte — fand man dieselben nicht. Und doch waren sie früher vor dem Anfange der Matinée von ihr selbst aufgelegt worden. Das Ganze schien mit einem Wunder zuzugehen; aber der Gesellschaft, obgleich diese die Wunder in neuerer Zeit wieder außerordentlich liebt, schien mit dem gegenwärtigen keineswegs ein Gefallen zu geschehen. Man bestand darauf, daß Cölestine singen sollte, und da ihr in dem Gedränge, worin sie sich befand, nichts Anderes einfiel, stimmte sie ein Lied an, das sie ihrem Gatten sehr oft vorgesungen hatte und welches diesem so gefiel, daß er es für seinen Lieblingsgesang erklärte...
„Abend ist, ein tiefes Schweigen