Dich Geliebter sinken lassen!! — —“
Nachdem Cölestine den letzten Vers gesungen — fiel sie leblos auf die Lehne ihres Stuhles zurück. —
Alles erhob sich — fuhr durcheinander — man eilte von hundert Seiten der Gräfin zu Hilfe.
In dieser allgemeinen Verwirrung schlich sich jener Fremde, der zuvor die verhängnißvollen Worte hinter dem Stuhle Cölestinens gesprochen, hinaus.
Es war derselbe unbekannte und geheimnißvolle Mensch, den wir schon früher einige Mal in den Salons Alexanders und anderswo umherschleichen sahen — finster und unheimlich wie das Verhängniß.
Neuntes Kapitel.
Trauer und Verzweiflung.
Was Alexander auf seinem Schlosse und in seiner Einsamkeit betraf, so lebte er daselbst noch stets in der alten Weise. Seine Tagesordnung blieb die nämliche, seine Absonderung, seine düstere Kälte, sein Haß gegen die Menschen, seine finstere Sucht, sie zu vermeiden, und seine scheue Angst, wenn er ihnen nicht ausweichen konnte — — bei dem Allem jedoch auch seine Mildthätigkeit, seine geheim ausgeübte Menschenliebe, sie waren sämmtlich die früheren. Täglich machte er den Ritt aus dem Schlosse nach jener Gegend, welche wir kennen — täglich besuchte er die kranke Margaretha und blieb in letzterer Zeit oft vom frühen Morgen bis in die tiefste Nacht an ihrem Krankenlager... Er hatte ihr einen geschickten und zuverläßlichen Arzt geschickt, der seine Wohnung im Orte selbst nahm, um stets bei ihr zu sein, sobald sie seine Hülfe brauchte. — Ach, Alles das half zu nichts ... es war der menschlichen Kunst nicht mehr möglich, dort etwas zu thun, wo die Natur bereits ihre Verwesung vorbereitete....
Da ward der Schmerz Alexanders übergroß; dieser Mann, sonst stolz, kalt und schroff, schien seine inneren Stützen zu verlieren, schien zusammenzubrechen, gleich einem untergrabenen Kraftbau. — Er konnte sich nicht länger beherrschen: seine gepreßte und geängstigte Seele machte sich in einem lauten, entsetzlichen Schmerzensschrei Luft — und nachdem dieser ausgestoßen war, flossen seine Zähren gleich mächtigen Bächen, als sollten sie die lange Tafel seiner Schuld, alle Vergehungen seines früheren Lebens abwaschen. Er ward zum Kinde, ja weniger als dieses, denn das kleine Mädchen zu seinen Füßen besaß jetzt mehr Fassung als er: „O!“ rief er, der draußen den Stolz so gut zu behaupten verstand: „könnte ich Dich, arme Dulderin, mit der Hälfte meines Lebens, meines Glückes, meiner Seligkeit retten, ja mit dem Ganzen — — ich würde es thun, denn Du hast es um mich verdient! — Ach, warum habe ich es früher nicht erkannt, warum vorsätzlich mich dem Bewußtsein entzogen, daß ein Herz lebt, welches so große Liebe zu mir trug, daß sie um ihretwillen in den Tod ging... eine Liebe, die nur gleichkommt an Macht jener Falschheit und jenem Trug, welche mich die ganze übrige Welt empfinden ließ, O wie glücklich hätte ich sein können! — In dieser Erkenntniß möchte jetzt meine Seele sich auflösen in ungeheuren Klagen. Was hatte ich nöthig, das Glück und die Liebe dort zu suchen, wo sie nicht sind?... Was hatte ich nöthig, im rauschenden Leben der Welt nach dem zu haschen, was nur in stiller Einsamkeit wohnen kann: nach einem Herzen! — — O sie blühte nur in einem grünen Thale unter einem bescheidenen Dache — die treue Liebe!... aber sie schien mir zu niedrig — ich suchte eine stolze, erhabene; und was fand ich? Traurige Täuschung! bittere Enttäuschung. — — Ha! ich möchte mich darob in einen Ocean des ewigen Todes stürzen! —“