— — An einem schönen warmen Frühlingsabend starb Margaretha. Man hatte sie in ihrem letzten Augenblicke in das Gärtchen hinausgetragen, denn so wünschte sie es. Alexander saß wie immer neben ihr, düsterer, trostloser, zerrissener als je; und jetzt sprach sie ihm Muth zu... jetzt suchte sie ihm jene Säule wieder, an die er sich lehnen sollte. Sie hielt seine Hand in der ihrigen, auf welcher schon kalter Todesschweiß perlte — und unverwandt haftete der brechende Blick ihres Auges auf ihm, welches Auge noch immer voll war von jener tiefen, unergründlichen Liebe. — „Ich gehe ruhig aus dieser Welt —“ lispelte sie, Wort für Wort mühsam aussprechend und nach jedem schwer aufathmend: „ich sterbe glücklicher, als ich zu hoffen wagte.... Habe ich ja den Geliebten meiner Seele noch einmal zu mir kommen und sein Herz mir in inniger Zärtlichkeit sich zuwenden sehen.... Was soll ich mehr von meinem Schöpfer verlangen....?.... Er hat mich reichlich belohnt für allen Kummer.... Sein heiliger Name sei gepriesen!... Und nun noch eine Bitte —“ flüsterte sie kaum vernehmbar...: „erbarme Dich Deines Kindes — Alexander!!. Lebt Beide wohl!!...“

Sie hatte ihren Geist ausgehaucht. —

Alexander ließ nun, die theuren Ueberreste gebührend zu ehren, sie in dem Erbbegräbniß seiner mütterlichen Ahnen beisetzen. Den Schmerz dieser Tage, dieser Stunden zu schildern ist unmöglich, aber seine Größe läßt sich in Erwägung der nunmehrigen völligen Hoffnungslosigkeit Alexanders recht wohl begreifen. — Dieser Mann betrachtete sich jetzt so wie Einer, der früher nackt und arm war, plötzlich einen großen Schatz fand, welcher ihm jedoch, kaum daß er ihn besaß — — durch eine unerbittliche dunkle Macht entrissen wurde, mit der Gewißheit, daß er nie wieder ihn erlangen — und in Zukunft wieder wie früher nackt, arm und elend bleiben werde. —

Jedoch nein! Nicht ganz war er dies. Ein leichter Punkt war ihm in dem trostlosen Dunkel seines Daseins doch noch geblieben — eine grüne, blüthenreiche Oase auf seiner fernern Reise durch die Sandwüste des Lebens: das Kind Margaretha’s — sein Kind — seine holde Tochter Alexandrine.

Sein düsteres Schweigen, sein finsterer Ernst stieg von Tag zu Tage. Er verließ jetzt nicht mehr sein Schloß, sein Gemach — und kein Menschenantlitz bekam ihn zu sehen; selbst die nothwendigsten Geschäfte wurden zurückgewiesen und der Besorgung seiner Beamten überlassen.... Nur Alexandrine, dieses junge Wesen voll Anmuth und himmlischer Güte, blieb an seiner Seite — gleich einem Schutzgeist suchte sie die bösen Stunden zu verscheuchen, von denen er wie von einem Heere wandernder Dämonen umschwirrt wurde. —

Aber es gelang ihr meistens nicht — und im glücklichen Falle nur auf Augenblicke; waren diese vorbei, waren die zarten Kräfte des Kindes erschöpft — so kehrten jene mit Wuth zurück und schleuderten ihn wie einen Zwerg zu Boden. Unter den Leuten seiner Umgebung gewannen die Sagen, welche über ihn gingen, einen immer schauerlicheren Charakter... Alles das, was unerklärlich für den gemeinen Sinn war, wurde von demselben auf’s schlimmste gedeutet, und so brachte man den armen Grafen, den man früher mit bösen Geistern, einer Besessenen und Hexe verkehren sah — jetzt gar mit der Hölle in pleno corpore — d. h. mit der ganzen und vollen Zahl höllischer Heerscharen in Verbindung, wobei man nicht vergaß, zu behaupten, diese hätten unsichtbar vom ganzen Schloß Besitz genommen, und umtanzten bei Tage den Herrn, zur Nachtzeit den Sarg der Hexe, die unten in der adeligen Gruft lag... Bald, sagten sie, werde das ganze Schloß in Rauch aufgehen — der Pechgeruch sei bereits allerwärts zu verspüren. —

Auch von Alexandrine war da noch Vieles zu bemerken. Es ließ sich nicht bezweifeln, daß irgend ein häßlicher Kobold in dieser zarten Mädchenhülle verborgen sei, der die Bestimmung habe, den verlornen Grafen zu bewachen — ihn keinen Schritt von der Straße abweichen zu lassen, welche glatt und schnurstracks zum Königreiche Lucifers führt...

Ungeachtet dieser freundlichen Beurtheilung, womit seine Diener und Unterthanen ihn beglückten, unterließ er, der sich deshalb einmal mit seinem Verwalter berathen hatte, nicht, ihnen Tag für Tag Gutes zu erweisen, ihnen die Lasten zu verringern, die Pflichten angenehm zu machen — ihre Vergehungen mit Nachsicht zu bestrafen, dagegen bei Belohnungen großmüthig zu verfahren und sich hierbei an kein anderes Maß zu binden, als an das eines gütigen Herzens. —

Glaube man ja nicht, daß es ihm hierbei um einen Zweck zu thun war... er wollte durch diese Veranstaltungen weder berühmt noch beliebt werden; es war weder die armselige Affektation eines unglücklichen Theaterhelden — noch die wohlberechnende Klugheit eines menschenfreundlichen Wucherers... es war einfach der dunkle, aber mächtige Trieb jener Herzen, die in den Byron’schen Menschenhassern wohnen und auf deren Grunde die edelsten Menschenfreunde verborgen sind; edle, erhabene, tiefe, excentrische und gewaltig empfindende Naturen, die vom Glück eben so heftig bewegt werden, wie sie das Unglück erschüttert, so daß sie dort wie hier jeden Halt verlieren, außer den Edelmuth, der nie von ihnen weicht, der kostbar blinkt, wie die Perle in der Muschel, mag diese auch getödtet werden und verwesen. —