Bei diesen Worten ging der Chevalier an der Gesellschaft vorüber: „Meine Damen — meine Gnädigen,“ sagte er mit einem artigen Lächeln: „man rüstet sich zum Spiel, zum Tanze. Welchem Vergnügen werden Sie den Vorzug geben?“
„Natürlich dem erstern — wenn wir bei dem zweiten nicht blose Zuschauer bleiben wollen!“ bemerkte das Fräulein.
„Nun denn erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm biete, um Sie nach dem Spielzimmer zu führen....“
Er begleitete die Gräfin von Wollheim — die Andern folgten.
„Ich werde dort, wie ich hoffe, die edlen Mitglieder des saubern Frauenvereins finden!“ murmelte das Fräulein zwischen den Lippen — denn Zähne, wie wir wissen, hatte sie keine — dann rief sie mit Zorn aus: „Beim Domitian, Alarich und Genserich! — ich werde Ihnen heute zeigen, mit wem sie’s eigentlich zu thun haben.... Hilf Samiel!“
So wie der Graf Wollheim seine Frau nach dem Spielzimmer gehen sah, machte auch er sich auf und folgte — nicht ihr, sondern seinem Stern, das will sagen: seinem Durst. Er hatte bisher mit zwei oder drei Herren, die sich für außerordentliche Jäger hielten, gesprochen und fand — daß wenn sie auch mit einem Theil der edlen Weidmannskunst umzugehen verstanden, sie doch im andern keinen Bescheid wußten.... und dieser zweite Theil schien ihm seit langer Zeit der erste zu sein. Er fand nämlich, daß, während jene zwei Herren nur immer von Hirschen, Ebern, dem Anstand, der Fährte, dem Hallali — Fängern — Suchern — Schlingen und Doppelbüchsen redeten — — sie der Humpen, Krüge, Flaschen und Fässer niemals erwähnten. — Das schien ihm jedoch eine sehr miserable Jägerei — er ärgerte sich dabei im Stillen schier zu Tode — jemehr aber sein Aerger wuchs, desto mehr wuchs auch sein Durst, wie jeder Physiolog oder Patholog Euch haarscharf beweisen wird. — — Er riß sich demnach in einem Augenblicke, wo dies thunlich war, von dieser schlechten Gesellschaft los — sagte, er wollte seine Gemahlin begleiten — statt dessen begleitete er sich selbst — in die Kellnerei. Wir sehen ihn hier noch einige Zeit, darauf verschwindet er hinter mannigfachem Trinkgeschirre unseren Blicken. —
Der General und die Generalin hatten sich auch zu den Spieltischen begeben, und so ist denn jetzt beinahe der ganze Kreis unserer Bekannten auf einem Punkte vereint, gleichsam als hätte das Schicksal sie mit Willen hier zusammengeführt. — — Da saß die Wittwe E—z und ihr gegenüber Herr von Labers; gleich daneben General Randow, die Gräfin Wollheim und die Generalin.... ferner mehrere Damen und Herren, die zur nähern Bekanntschaft der Letzteren gehörten und die wir oft in ihrem oder ihrer Tochter Salon angetroffen haben. Der Chevalier trat auf kurze Zeit herein, begab sich jedoch bald wieder in den Salon, wo getanzt wurde und wo seine Anwesenheit dringend erforderlich war. Dieser Salon stand mit dem Spielzimmer, von welchem wir hier sprechen, durch zwei große offene Thüren in Verbindung, und man konnte ihn daher seiner ganzen Ausdehnung nach von jedem Spieltische aus übersehen....
Dieser Umstand war für das fromme Stiftsfräulein von unberechenbarem Nutzen — denn sie auf ihrem Sitze konnte jetzt den ganzen Kreis ihrer Feindinnen — Opfer darf man wohl sagen —: sie konnte acht oder zehn Damen, welche neben einander im Salon saßen, beständig im Auge behalten; und diese Damen gehörten sämmtlich zum Frauenverein.
In der Brust der seltenen Menschenfreundin kochten in diesem Augenblick, wie in einem Hexenkessel, Gift, Galle, Rache, Schlangen und Ottern — nebst noch andern Species, mit denen man seine Feinde vertilgt; sie warf zeitweise wahre Belialsblicke hinüber, und wenn sie dann jene Frauen so sorglos und heiter sah, murmelte sie vor sich hin: „O auch Babylon war vergnügt und lachte — bevor der Donner d’reinschlug... hahaha! Geduld — Samiel umschleicht Euch schon!... Hilf Samiel!“