Ja, er konnte noch lachen. Am Jahrmarktstag bei der großen Vorstellung im Zirkus kugelte er sich. Es war aber auch zum Totlachen. Die Öllampen rochen so schlecht, und der Zirkusdirektor ersuchte die Herrschaften, tüchtig zu applaudieren. Eine Ziege war das einzige Pferd, das sich produzierte, doch damit hatte es auch seine Schwierigkeiten, und ungehalten rief der Direktor: »Applaudieren! applaudieren! Ohne Applaus giebt's keine Kunst!« Und unter losbrechendem Beifallssturm produzierte sich das Zieglein, produzierte sich in jeder Beziehung!
Und ihre wilde Jagd über die Dünen! Hügelauf gings, hügelab. Ein Zug Möwen folgte ihnen, und Blanche, Andrées prüdes Cousinchen, fiel, den Kopf nach unten, die Beine nach oben, wo die übrige Gesellschaft sich befand. Allein Karl dachte: Alles Lüge, es giebt einen unfreiwilligen Tod.
An hellen Abenden, wenn die Dünen gleich Schneehügeln traumhaft dalagen, Strand und Meer silberweiß erglänzte, und Frau Espinas in seliger Verzweiflung ausrief: »Das ist zu schön! das kann kein Mensch aushalten!« oder wenn die Schwärmerin ihn sonst auch zu Hilfe rief, um in Bewunderung zu schwelgen, indem sie zum Beispiel sagte: »Sehen Sie nur das Hälmchen im Sand, ich bitte Sie! Und dort die Dünenkette, sehen Sie doch!« Wie drehte sie ihm das Messer in der Wunde! Die Natur, vor der sein Herz im Staube gelegen hatte, erschien ihm verächtlich, doch wie man an einer Verlorenen hängt, hing er an ihr voll Gram über die eigene Treue. Einmal auf dürrer Heide um sich blickend, geriet er selbst in Ekstase: Ein Stück Land und ein Stück Himmel darüber, es gab nichts Schöneres auf der Welt! Doch Schmerz und Bitterkeit übermannten ihn: Bin ich verurteilt? Muß ich ins Grab steigen? Seine heimatlose Seele klammerte sich an die Erde, um als ihr Richter und Märtyrer im Pfuhl ihrer Schande zu wühlen.
Am Namensfest der Mutter gab es ein Feuerwerk im Garten. Die Raketen blitzten auf und rieselten hernieder in blauen, grünen und roten Feuertropfen. Andrée hielt ihr Brüderchen empor, ihr Gesicht strahlte lichtübergossen, und sie fragte ihren Liebling:
»Ist das nicht schön? Ist das nicht wunderbar?«
Was wird aus dir werden, was wird aus dir werden? dachte Karl gemartert.
Morgens beim Erwachen betastete er sich, um zu sehen, ob er noch am Leben war. Ja, er war noch warm, er glühte! ...
Auf dem Marktplatz raste unter Musikgebraus ein Riesenringelspiel im Kreise dahin. Zum Spaß bestiegen sie manchmal die hölzernen Rosse. Wie im Winde ritt Karl, sein Roß schien Flügel zu haben, er jagte durch die Lüfte, doch im fliegenden Gewand schwebte vor ihm Andrée wie das Glück, wie ein Traum, wie etwas Unerreichbares! ...
Zur Flutzeit badete Alt und Jung. In ihrem roten Schwimmkleid entstieg sie, eine kleine Schaumgeborene, den Fluten. Er sah die Muttergottesbrüstchen, die herrliche Rückenlinie, den zarten, rosigen Fuß, ihre zierliche, himmlische Schönheit –
Dem Gott, der dich schuf, glaube ich alles! dachte er überwältigt, es muß ein Jenseits geben! Deinetwillen! Ich glaube es, glaub' es wenigstens, zu glauben! Gott, ich glaub' an Dich! Was willst Du noch mehr?