Zur hundertjährigen Jubelfeier der französischen Revolution rüstete auch Karl Faber, ein junger österreichischer Dichter, zur Reise nach Paris. Die unverstandene erste Jugendzeit war gottlob vorbei; als ein weiser Genußmensch wollte er sich an das üppige Mahl des Lebens setzen. Er hatte einen gewaltigen Appetit, einen wahren Heißhunger – Tischlein deck dich! Tischlein deck dich!

Doch da fuhr der Teufel in ihn: nicht bloß daß er es mit seinem ehrlichsten Freund, einem einflußreichen Mann, gründlich verdarb, er zerschlug sich auch mit seinen Angehörigen. Einerseits beschämt, andererseits gekränkt, wollte er sich endlich auf die Reise machen, als der Wagen, der ihn zu Bahn fuhr, mit den Rädern in der Luft auf den Pflasterstein zu liegen kam. Karl, der mit einem Beinbruch davon gekommen war, mußte seine Abfahrt von Tag zu Tag verschieben, sich vom Frühling allerlei Verlockungen ins Ohr flüstern lassen und bei offenen Thüren wie ein Gefangener brüten: Leben, bist du so? Ziehst mit der einen Hand zurück, was du mit der andern reichst, willst nur Herzweh machen, narren? Mürrisch verzichtete er auf die Freuden der Seinestadt, und sobald er wieder auf den Beinen war, machte er sich nach dem bretagnischen Küstendorf Loctudy auf, wo ein weitläufiger Schwager von ihm auf einsamer Scholle saß. Das Meer sollte den Lustreisenden schadlos halten. Paris wollte er nicht mehr sehen. Zum Glück mußte die Fahrt dort gar nicht unterbrochen werden. Hurtig, Kutscher, zum Anschluß! Allein der Zug brauste Karl vor der Nase ab. Dieser fluchte, kratzte sich hinterm Ohr, suchte aber dann, um die Zeit bis zum Abgang des nächsten Zuges tot zu schlagen, den Gelehrten Laland auf, der ihn schon längst mit offenen Armen erwartete. Er fand ihn bei Tisch im Kreis fröhlicher Gäste.

»Ein Glück,« rief der väterliche Freund, »daß Sie sich das Bein und nicht den Hals gebrochen haben!«

»Keine Furcht. Ich stehe in Teufels Schutz!«

»Der Teufel ist die Jugend!« lachte der Gelehrte; doch als Karl vom Weiterreisen sprach, verging ihm die gute Laune.

»Der Lebensdrang stürmt in Ihnen, weiß nicht, wo hinaus, und macht Sie toll!« schalt er, denn er kannte ihn nur allzu gut vom Vaterhause her. »Was suchen Sie im Mai am Meeresstrand? Hier ist Ihr Platz! Der muß kein Herz im Leibe und keinen Verstand im Kopfe haben, der es über sich bringt, Paris links liegen zu lassen!«

Alle empörten sich gegen den jungen Barbaren, alle wollten ihn in ihrer Mitte behalten. Frau Espinas, eine Schwägerin des Hausherrn, rief in ihrem Groll:

»Ich wollte, Sie wären mein Sohn, dann würde ich Ihnen die Grillen schon austreiben!«

Auch Fräulein Andrée, die jugendliche Tochter der Dame, eine feine Brünette von gleichsam geheiligtem Liebreiz, suchte mit ihren aufstrahlenden, ahnungsvollen Augen dem Ausreißer ins Gewissen zu reden. Weiß Gott, dir zu Liebe bliebe ich gern, dachte Karl – doch nein!

»Der Zufall hat mir bereits einen Streich gespielt, ich darf ihn mir nicht über den Kopf wachsen lassen,« entschied er und fuhr richtig weiter.