Unterwegs riß ihn ein höllisches Gerüttel aus dem Schlaf, und zugleich fühlte er sich wie von wuchtiger Hand zu Boden geschleudert. Stockfinstere Nacht umgab ihn, der Nachhall von Donner und Brausen dröhnte in seinem Hirne, und aus einer Ecke stöhnte sein Reisegefährte, ein hochstämmiger Abbé aus Guimper: »Ich sterbe, so 'was ist mir noch nicht vorgekommen!« Karl lauschte, ob es Rettung galt oder Verderben, gleichviel, er war nicht verzweifelt, nur aufgeregt, besonders aber ungeduldig. Endlich blitzte ein Licht auf, ein Bahnbeamter trat mit einer Laterne an das zertrümmerte Fenster und sagte in unwirschem Ton: »Bitte, sich zu beruhigen, es ist bloß eine Zugsentgleisung.«

Sollt' ich mir diese Reise vielleicht doch aus dem Kopf schlagen? überlegte Karl. Unsinn! widersprach er sich sofort: das wäre, als wenn man nicht einmal seinen Willen haben könnte; und war nicht eher froh, bis er in einem neu herbeigeschafften Zug seines Weges weiter fuhr.

Auf der Endstation erwartete ihn das Gefährte des Gastfreundes. Eine alterslahme Stute von kleiner Rasse bildete des Gespann; Guillot, der Knecht, ein untersetzter Bursche mit den Zügen eines Helden und dem Blick eines zahmen Tiers, nannte sie Carabine, »mein Engel, mein Liebchen!« und zerbrach auf der kurzen Fahrt den Peitschenstiel auf ihrem Rücken. Fichten mit gekrümmten Stämmen und buschigen Kronen umgeben Herrn Briacs Haus, zwischen ihrem Laub schimmerte das Meer, und die Luft war voll würzigen Salzes. Da kam auch schon der Hausherr zum Vorschein, ein herrlicher Greis, muskelstark, sturmfest, nur etwas schwach auf den Füßen. Gyp, sein weißer Hühnerhund, hinterdrein.

»Willkommen!« rief der Alte erst höflich wie einer, der sich in sein Schicksal fügt; doch der ins Haus geschneite Verwandte mit seinem kühnen, fröhlichen Gesicht, als könnte er die ganze Welt in seine Tasche stecken, gefiel ihm, und aufatmend wiederholte er: »Willkommen!«

Statt Einkehr zu halten, zog ihn Karl nach der nahen Bucht, die, von Fichten umrandet, wie ein tiefblauer See in der Sonne lag. Kleine und große Schlösser, darunter ein flammrotes mit Türmen und Zinnen, schmückten das Ufer. Er hatte sich das Meer in allen seinen Gestalten ausgemalt, nur nicht so anmutig, und hatte im Geiste alle seine Stimmen vernommen; aber Aug' in Aug' mit ihm schwieg es. Enttäuscht, voll Ungeduld starrte er es an und wollte alle Eindrücke auf einmal empfangen. Vor ihm lagen mehrere Boote vor Anker von geschmeidigem Bau, mit dünnen Masten, ähnlich den Segelbooten, auf denen er die heimatlichen Seen oft befahren. Da sah man die »Caprice«, den »Druid«, die »rote Fliege«, eine stattliche kleine Flotte, der Stolz des Hausherrn.

»Nun, wie geht's daheim?« erkundigte sich dieser.

»So, so!« sagte Karl. Ihn verlangte, schnell eine Fahrt zu wagen. Zu seinen Füßen schwamm ein kleines Floß, er sprang darauf, stemmte das Ruder auf den seichten Grund und lenkte gegen die Boote.

»Ich will nur sehen, ob ich etwas tauge!« rief er, indem er sich an Bord des »Druid« schwang. Guillot sprang zu seinen Diensten herbei, der aufs Angenehmste überraschte Alte klatschte ihm Beifall zu, und so löste er die Stricke, lüftete die Segel, zog den Anker ein und stach in See.

Ein guter Wind war gleich zur Stelle, halb schwimmend, halb fliegend ging es vorwärts an der Insel Tudy vorbei in den Ozean hinaus. Das Fahrzeug begann zu schwanken, Delphine schlugen in der Ferne Räder, und unter den buhlerischen Wellen lag die unbekannte Welt. Entzückt atmete er die Luft, die noch nicht geatmet worden war, und jauchzte:

»Wie schön bist du, Ozean! Der harte Rücken der Erde behagt mir nimmer. Du bist gewaltig und hingebend, ich liebe solche Naturen. Selbst in deinen Armen noch sehn' ich mich nach dir!«