Um ein Glücksgefühl reicher, setzte er sich an jenem Strande fest und blickte mit trunkenen Augen in die Welt. Vor ihm lag England, Amerika, und als wäre er in aller Herren Ländern erwartet, um königlich empfangen zu werden, rief er der Ferne zu: »Auch dir werde ich die Ehre erweisen, doch erst will ich hier schalten und walten!« Gleich einer dienenden Gottheit schien ihn das Meer einzuladen: Komm, du sollst meine Wunder sehn! Demütig bat das Ufer: Bleib! Und in andachtsvollen Momenten hörte er den Himmel fragen: Soll ich meine Thore öffnen?

Er schien nur noch der Begeisterung fähig. Wie bewunderte er den Alten, der geduldig seine Jahre zählte, sich von früh bis Abend abmühte, seine Schiffe in guten Stand zu setzen, Netze und Stiefel für den eigenen Gebrauch zu verfertigen, und der auch seinen Sarg schon zurechtgezimmert hatte. Wie köstlich mundeten ihm die frischgebackenen Sardinen, zubereitet von Guillot, dem Knecht, Kammerdiener und Koch in einer Person. Still und herrlich lebte es sich in dem alten Haus ohne Hausfrau mit seinem Drunter und Drüber. Stand auch im Gewächshaus alter Trödel, und stieß auch der Pferdestall an die Gemächer, so war doch selbst der Stall von Rosen umblüht, und unter dem morschen Balkon girrten Tauben.

Das kniehohe Farrenkraut auf den steinigen Feldern sah er für einen üppigen Garten an, und die Kohlmeise, die im Feigenbusch unter seinen Fenstern sang, für einen Künstler, ein Genie. Von Zufriedenheit überwältigt, wollte er hier sein bestes Buch schreiben, eine philosophische Abhandlung über das Glück der Kreaturen, und weil er sich in Geldverlegenheit befand, kündigte er das kaum begonnene Werk auch schon seinem Verleger an. Mit Papier und Stift versehen, schiffte er in der Bucht umher, durchstreifte die bald felsigen, bald sanften, muschelbestreuten Ufer oder harrte dort, den Himmel über seinem Haupt und zu seinen Füßen, im Sand ruhend, der Flut. Bereitwillig stürzten die Wellen herbei: Wir kommen! warte! weich nicht von der Stelle! Allein er dachte: So ist's nicht gemeint, schöne Nixe, damit hat's noch gute Weile, und brachte sich in Sicherheit.

Nur die Arbeit wollte ihm nicht gelingen, die Gegenwart erfüllte sein Herz, die Einbildungskraft erschlaffte, und mit den inneren Stürmen verstummte auch das Talent. Das Glück macht mich dumm. Kann man dem Glück etwas verargen? dachte er. Doch als der Verleger zur Antwort gab, er müßte sein neues Buch ablehnen, weil sein altes keinen geschäftlichen Erfolg erzielt, bekam er vom Glück eine andere Meinung: Freund, Familie, Erwerb – alles war dahin! Ihm blieb nichts als das nackte Leben und der tolle Mut. Warum sich eine Laune versagen? Und über Hals und Kopf stürzte er sich in ein wildes Seemannsleben.

Er zählte nicht auf den Morgen, sein Treiben gefiel ihm, drum nur zu! nur zu! Auf dem schnellsten, unsichersten Fahrzeug versuchte er Wind und Wetter. Wenn die Wogen aufwärts strebten, die Wolken herabsanken und der Sturm beide vereinte, that er die Sinne auf, als gälte es, zu genießen. Im Kampfe gegen die Elemente stand er allein, ein Individuum, selbst ein Element. Wüte, Ozean, erhitz' mir das Blut! Welch ein Ozean! Welch ein Himmel! War das ihr wahres Gesicht? Oben zuckte der Feuertod, unten harrte der nasse Tod, ein ganzes Heer von Toden erstand auf zur Feier der herrlichsten Naturerscheinung.

Lachend schlug er sein Leben in die Schanze, kämpfte darum wie um seine Ehre, und selbst ein jähzorniger Patron, sah er der Verwüstung achtungsvoll zu. Die Klippen bei Lesconil waren vollends gefahrvoll. Wohlan, auf nach der Felsenküste Lesconils! Die Fischer von L'ile Tudy wurden seine Genossen, Tage und Nächte verbrachte er mit ihnen auf dem Fischfang und schlief nie getroster, als am Bord ihrer Barke. Nur daß nachts einmal der Sturm losbrach und trotz seiner und seiner Kameraden mannhaften Verteidigung das Boot umschlug. Karl hatte einen Schiffsjungen erfaßt, dessen erste Seefahrt das war, und hielt ihn mit sich über Wasser, indem er sich gleich den anderen am Schiffsbein festklammerte – stunden- und stundenlang. Das Meer hatte sich ausgetobt, der Morgen brach an. Hoffnungslos, doch erwartungsvoll starrten die Schiffbrüchigen in den öden Raum. Ihre Hände zitterten nicht, sie tauschten mit einander kein Wort, keinen Blick, und selbst der Knabe in Karls Armen zeigte Mannesmut. Wie erschien diesem plötzlich das träge, genußsüchtige Treiben seiner Landsleute daheim nichtssagend und närrisch! Endlich hatten die Lootsen von Beg-Mell Hilfe herbeigeschafft. Doch war das nicht sein einziges Abenteuer.

Als er von Benodet, wohin er auf der »roten Fliege«, einem morschen Boot, gesegelt war, wieder aufbrechen wollte, machte ihn ein dortiger Schiffskapitän auf das aufsteigende Gewölk aufmerksam. Soeben hatte dieser beim heißen Grog den Untergang dreier stark bemannter Fischerboote bei St. Malo berichtet und riet ihm eindringlich, über Nacht zu bleiben. Doch redete er tauben Ohren. »Ich liebe die Bequemlichkeit!« rief Karl und stieß wohlgemut ab.

Doch bevor er die Bucht verließ, blieb sein Boot an einer Klippe hängen. Umsonst versuchte er, es flott zu machen. Der Felsen schien ihn mit aller Gewalt zurückhalten zu wollen. Warum nicht gar! Er warf den Anker aus, kletterte über die von der Ebbe bloßgelegten Felsen ans Ufer und holte einen Matrosen herbei, mit dessen Hilfe es ihm endlich gelang, ins Fahrwasser zu kommen. Es hätte ihm können teuer zu stehen kommen!

Auf hoher See ereilte ihn das Wetter. Das Boot tanzte, der Mast bog sich und krachte. Karl verlor die Steuerung, und der Sturm entriß die durchtränkten Taue seinen unsicheren Händen. Zum erstenmal verließ ihn seine Seemannsweisheit, und der betrunkene Matrose bot ihm schlechten Beistand. Bei einem Haar wären sie umgekommen, als plötzlich der Wind das Schiff erfaßte und, gutmütig keifend, es nach Benodet zurücktrieb. Schon strahlte der Leuchtturm in die Finsternis. Auf der Landungsbrücke stand der Schiffskapitän.

»Ich hab' schon das Kreuz über Sie gemacht!« lautete sein Gruß. »Sie hatten zu viel Segel. Was wagen Sie sich auf die See, wenn Sie nichts vom Handwerk verstehen?«