Doch Karl kannte keine Gewissensbisse. Eine junge englische Malerin, deren Bekanntschaft er beim Schein des St. Petrifeuers im Kreise einer Bauersfamilie gemacht hatte, bat er um ein Stelldichein in Pen-Mark auf der »Felsenplatte der Opfer«, wo laut Inschrift Frau Goëllec mit ihren beiden Töchtern von einer Welle lautlos, spurlos weggeschwemmt worden war vor den Augen des Gatten und Vaters, des Präfekten von Finistère. Selbst unter diesem bleiernen Himmel, wo die Felsenriffe in Gestalt von reißenden Tigern und Löwen in die Höhe ragten, angesichts dieses bösen Meeres und des steinigen, mit faulem Tang bedeckten Strandes, wo Geister zerschellter Schiffe und ertrunkener Seelen zu wehklagen schienen, und wo selbst die Rettungsboje und der Leuchtturm, wahre Sehenswürdigkeiten in ihrer Art, den Eindruck drohender Verwüstung erhöhten, verlor Karl seinen Humor nicht. Er war ein Naturanbeter; sorglos sein hieß bei ihm fromm sein, und da seine hübsche Begleiterin etwas eingeschüchtert schien, predigte er ihr Moral:

»Seien wir zärtlich, seien wir tapfer! Es gilt, das Leben zu nützen und sterben zu wissen. Alles zu seiner Zeit!«

II.

Eines Abends saß Karl, um auch seiner Pflicht als Gast zu genügen, mit dem Alten daheim beim Kartenspiel. Aus der Bucht strahlte der rote Mond zu den offenen Fenstern empor, hier und da zog eine Barbe glänzende Streifen in die sprühenden Wellen, und zwischen dem bläulichen Himmel und der bläulichen Erde schien alle Luft zu glühen. Raben kreisten wie am helllichten Tag krächzend in den Fichtenkronen. Bravo, Natur, bravo! dachte Karl. Indessen erzählte der Alte von seiner früheren Laufbahn als Zolleinnehmer und Züge aus seinem Einsiedlerleben. Neidisch streifte sein Blick die blühende Gestalt des Gastes, als wollte er sagen: Dir gehört die Welt! In einer Anwandlung frohen Selbstgefühls warf dieser die Karten hin und rief:

»Sie sind ein Hexenmeister, heißt es weit und breit und können wahrsagen. Frisch, lassen Sie mich die Zukunft wissen!«

»Verlangen Sie das nicht. Ich bin ein Unglücksprophet, und meine Prophezeiungen pflegen sich zu erfüllen,« warnte der Alte. Doch als Karl unter stürmischem Lachen auf seinem Einfall bestand, mischte er die Karten, ließ abheben, zählte, ordnete, verglich sie und versank in tiefes Nachsinnen, wie in Geisterbeschwörung. Mit seinem silberweißen Bart und dem frischen Antlitz sah er aus wie der liebe Gott.

»Ich sag' ja, das heißt die Hölle versuchen!« rief er zusammenschauernd. »Nichts mehr davon! Gehen Sie schlafen und träumen Sie süß, heute ist ja Vollmond, da träumt man die Wahrheit.«

Ein lustiges Lied aus der Heimat summend, ging Karl zur Ruhe, um bald in einen kräftigen Schlaf zu fallen. Plötzlich vernahm er einen ohrzerreißenden Schrei. Ein Käuzchen, groß wie ein Mensch, kam herangetrippelt, nach Art alter Mütterchen mit einem Umhängtuch bekleidet, bewegte wie diese rührig seine dünnen Beine, wackelte mit dem hohläugigen Kopf und ließ noch einmal seinen abscheulichen Lockruf ertönen und noch einmal. Karl fuhr auf. In den grauenden Tag erscholl der laute Ruf seines Namens.

»Was giebt's? wer ruft?« fragte er.

»Wenn Sie den Sardinenfang mitmachen wollen,« rief Guillot von unten, »die Fischer auf der Insel schiffen sich ein, es ist die höchste Zeit.«