»Ich komme!« rief Karl, fuhr rasch in die Kleider und ruderte zu den Harrenden.
Nach zwei Tagen kehrte er wieder, um einem ländlichen Fest beizuwohnen, das Herr Coëtlogon, der Besitzer des roten Schlosses, seinen Nachbarn gab. Karl, der alles, nur kein Grillenfänger war und sich besonders aus Träumen nichts machte, tanzte mit den Bauerndirnen die Gavotte, als wäre er dabei aufgewachsen. Die pausbackigen Schönen mit den stillen Duldermienen waren keine leichte Bürde. Bei Tafel, wo man zufällig zu Dreizehn saß, und wo dieselben Gerichte aufgetragen wurden wie kürzlich beim Diner des Herrn Quinot, des Nachbars und Wetteiferers Herrn Coëtlogons, unterhielt man sich lebhaft über die Fragen: Wie teuer der Hausherr seine Kredenz bezahlt? Ob Frau Cosmao ihre Baumschule verkaufen wollte? Und über die Beschaffenheit eines Seegelbootes, das jüngst in Guimper versteigert worden war.
Doch Karl brachte das Gespräch in würzigeren Fluß, machte dem Fräulein Coëtlogon auf Tod und Leben den Hof, desgleichen Fräulein Quinot, ließ sich von Frau Cosmao auszeichnen und ging in lauter Scherz und Freude auf. Tags darauf war Sonntag, und auf dem Kirchplatz gab's einen großen Preiswettlauf in Säcken. So oft die Bauernburschen, Prachtgestalten mit ihren spanischen Beinkleidern und dem goldgestickten Brustlatze, in Säcke krochen und wie lebende Säcke mit Menschenköpfen fortkollerten, bis sie sich überschlugen und der Länge nach hinfielen, lachte er wie ein Riese; der Strand hatte noch nie ein so inniges Lachen vernommen.
Doch ein trüber Morgen folgte jenem Sonntag, und während er mit dem Frühesten ins Meer hinausfuhr, um die am Abend ausgeworfenen Netze einzuziehen, besann er sich, daß ihm nachts von den Seinen geträumt, von Zwist und Hader, und daß er feierlich ausgerufen habe: Ich werde Eure Schwelle nie mehr übertreten!
Und wie an etwas Zusammenhängendes dachte er plötzlich an das entsetzte Gesicht, das der Alte beim Kartenaufschlagen gemacht, und wie diesem vor Schrecken das Wort auf den Lippen erstarrt war. Warum? Dichter Nebel deckte das Meer. Zum erstenmal wollte er den Fischfang allein einheimsen. Lange suchte er nach dem Ankerflott. Den Fuß auf die Spitze des schaukelnden Kahns gestellt, beugte er sich vor, den schweren Stein emporzuziehen. Ein Ausgleiten, die leiseste Bewegung, und er stürzte in die Tiefe. Was hatte in den Karten gestanden? Der Nachen füllte sich mit triefenden Tauen, Tang und Moos, daß er sich beugte, und das Brett, worauf sein Fuß stand, wurde naß und glatt. So zog er Netz für Netz ein, die außer einem roten Knurrfisch nichts als Meerspinnen und Krabben enthielten, und kehrte heim mit seinem armseligen Fang. Besorgt harrte der Alte am Ufer.
»Was Sie aus den Karten gelesen, war mein baldiger Tod?« fragte Karl.
»Ja,« lautete die Antwort.
»Ausgezeichnet!« lachte Karl. Die liebenswürdigste Stimmung überkam ihn scheinbar, und als hätte er jenen vollends ins Herz geschlossen, wich er ihm nicht von der Seite und wurde nicht satt, von der Zukunft zu reden. Nächstes Jahr wolle er ins Gebirge, aber im zweitnächsten Sommer wiederkommen, vielleicht in Begleitung seiner jungen Frau, wenn er das Heiraten nicht lieber werde sein lassen, um mit freien Schwingen seinem Ziele zuzustreben, das er bestimmt erreichen werde kraft des Gesetzes, laut dessen die Alten den Jungen weichen mußten. Gespannt beobachtete er dabei die Miene des Alten und war ihm in tiefster Seele gram.
Kürzlich war ihm der Einfall gekommen, die »rote Fliege« frisch zu überstreichen, er war eigens zu Wagen nach Pont l'Abbé gefahren, um Zinnober zu kaufen, und die Arbeit hatte ihn sehr interessiert. Doch nun wollte er nichts mehr davon wissen, indem er dachte: Ich seh' nicht ein, warum ich dieses Gerümpel vor meinem Ende noch in neuen Stand setzen soll. Als der junge Coëtlogon ihn zu einer Segelpartie für den nächsten Tag einzuladen kam, antwortete er überlegend: »Ja, ich weiß nicht, ob ich morgen noch am Leben sein werde, aber ich will trachten. –« Das Meer lockte ihn nicht mehr. Was hör' ich? Du willst mich verschlingen? So! so! dachte er. Lebhaft stellte er sich vor, wie ihn Carabine auf der nächsten Fahrt auf einen Steinhaufen hinschleudern, oder wie ihm die schwarze Zwergkuh, die im Farrenkraut vor dem Hause graste, einen Stoß in den Leib versetzen würde, machte sich mit dem Gedanken vertraut, daß sein Leben von der Laune einer elenden Schindmähre oder einer zahmen Kuh abhing, wunderte sich nur, daß die Bäume so ruhig dastanden, statt über ihn zu fallen und ihm den Kopf zu zerschmettern, und wenn er bei Tisch den Zweifel hegte, daß Guillot, der Schmutzfink, die kupfernen Töpfe vor dem Gebrauch gereinigt hatte, beeinträchtigte die Aussicht, vergiftet zu werden, seinen Appetit durchaus nicht.
»Daß der Teufel einem doch immer ein Ei in die Wirtschaft legt!« klagte einmal der Alte. »Louis Carjou liegt im Sterben. Es nützt nichts, ich muß ins Dorf zu ihm, eh' er den Geist aufgiebt, sonst nimmt er's mir übel!«