»Da halt' ich mit!« rief Karl. Trotz der Mittagsglut drang er darauf, aufzubrechen. »Ich will mir das ansehn!« murmelte er unterwegs. Schon hörte er im Geiste Louis Carjou ein Wehgeschrei erheben, die Nachbarn umringten ihn, nun fuhr er im Bette auf, ihn erfaßte die Verzweiflung: »Der Tod! Zu Hilfe, zu Hilfe!« Die Weiber beteten und weinten, den Männern war feierlich zu Mute, und ein Schulknabe rief gelehrt: »Du mußt atmen, Vater Carjou, atmen, atmen!« ... Karl hatte aus den Trümmern eines abgebrannten Theaters Hunderte von Leichen hinaustragen sehen, er war erschüttert, nicht erstaunt gewesen, Verwandte und Bekannte von ihm waren gestorben, warum nicht? Hatte er sich doch selbst dem Tod, einem Abenteuer so gut wie einem andern, willig in die Arme werfen wollen, aber jetzt hatte er über ihn nachgedacht, ihn gewissermaßen entdeckt: er bäumte sich auf, es ging ihm nicht in den Kopf, und er verachtete sich und alle, die da sterben mußten.

Der Alte erriet seine Gedanken und bemerkte schuldbewußt: »Carjou ist ein hoher Siebziger. So ein Bauer, der jahraus jahrein kein Fleisch sieht, stirbt hin wie eine Fliege. Wenn man alt und schwach ist, soll Gott einen vor Krankheiten bewahren.«

Endlich erreichten sie Carjous Haus. Kinder spielten vor der Thür, ein paar junge Schweine mit rosigen Mäulern und Ohren sprangen im Flur auf und davon, allein die Stube mit den messingbeschlagenen Eichschränken und den schrankartigen Betten war leer.

»He, Carjou! Carjou!« rief der Alte und fragte die herbeigeeilte Bäuerin, wo der Sterbende denn steckte.

»Nicht zu Hause,« sagte das Weib. »Der Großvater arbeitet auf dem Kartoffelfeld.«

Und um mich sollte es geschehen sein! dachte Karl. Ihn floh der Schlaf. Zum Teufel mit den Gedanken! dachte er eines Nachts, und um die Geister zu bannen, suchte er, so wie er aus dem Bette stieg, den Alten in seiner Stube auf. Der erschrak nicht wenig.

»Bei Gott, ich glaubte ein Phantom zu sehen,« stammelte er.

Man hält mich schon für ein Gespenst, die Sache macht sich! meinte Karl und ballte die Fäuste. Also von der Bretagne ging es ins Totenreich? Jener Bahnunfall wäre nichts als die Mahnung gewesen: Geh nicht ans Meer, dort gähnt dein Grab!

Da erblickte er sich im Spiegel. Das Licht in seiner Hand beschien seine Züge. Sie waren bleich und fahl. Ich zieh' einen Wahnsinn in mir groß, bring' mich selbst ins Grab, und da beklag' ich mich noch! brauste er im stillen auf und sagte selbstbespöttelnd und um den Alten zu versuchen:

»Ich will mein Testament machen. Wer weiß, was einem zustoßen kann! Nicht wahr?«