*) 13. März 1881, Attentat auf Kaiser Alexander II. und dessen Tod.

Sofort machten sie sich nach der Ballstätte auf, unterwegs bemerkte Wocykow: »Es leben in Paris zwei Arten von Russen: solche, welche mit der Botschaft gut Freund, und solche, welche ihr ein Greuel sind. Zu letzteren gehen wir.«

Zwanzig bis dreißig Paare drehten sich tanzend im Saale, am Büffet kredenzten Studenten Thee und Glühwein für wenige Sous, an kleinen runden Tischen saßen rauchend einzelne Gruppen, die meisten der Ballgäste standen oder gingen umher.

Laurent fiel die muskulöse Gestalt eines etwa sechzigjährigen Mannes auf mit starken Backenknochen, einem grauen Wald von Bart und Haar. Er sah aus wie ein Wilder, ein geistsprühender, in edlem Weltschmerz entflammter Wilder, mit dem sich ein gelehrter Wortstreit gelohnt haben würde. Es war Oberst Pokuroff, Chef der revolutionären Partei im Ausland. Die leidenschaftlichen Worte, die er an ein junges Mädchen richtete, malten sich ihm nervös und gewaltig in die großen Züge, als redete er geschliffene Beile oder blutige Thränen. Seine Zuhörerin schien hingerissen. Ihr gelbliches Gesicht mit der flachen Nase der Kalmückin lächelte entzückt, während ihre wunderbaren Augen den Redner anstrahlten voll Inbrunst und Schwärmerei, als müßte sie vor ihm in den Staub sinken. Die mongolische Maria Magdalena, dachte Laurent und lud sie später zum Tanz.

Madja – so hieß sie – schien kaum siebzehn Jahre alt, so zart und biegsam war ihre Kindesgestalt. Nicht minder unentwickelt war Olga, eine Blondine mit goldgepudertem Haar, und all diese schmächtigen Mädchen mit mächtigen Augen, die lächelten wie vielumworbene Frauen, deren matte Grazie zu frohlocken schien: Bin ich nicht bezaubernd? So schmal und eckig sie in ihren ärmlichen Kleidern erschienen, wollüstig wiegten sie sich in den Hüften wie unter der süßen Last üppiger Reize.

Die Tänzer in reichen Nationalkostümen sahen weit weniger russisch aus als die bleichen Bettelstudenten, wie Goltschmann, ein junger Mediziner von feiner Gestalt, die Blut und Rasse, und einem ideal schönen Gesicht, das tiefste Hoffnungslosigkeit verriet. Seine beste Kraft schien er in der Sehnsucht zu verprassen. Er tanzte, ging und stand umher, alles wie im Traum, und sah einen an, als hätte ihn jedermann auf dem Gewissen.

Ein bitterer Denker schien Klein, ein engbrüstiges Männchen mit zarten, verzwickten Zügen. So kränklich und unsauber sein ganzes Wesen auch war, verklärte dasselbe eine Art schmerzliche Intelligenz. Er lächelte, als lächle er zum erstenmal im Leben.

Der scheinbar am wenigsten hierher gehörte und sich doch am besten hier ausnahm, war Adler, ein gesunder Bursche mit blanken Zähnen. Seine Augen blitzten, wie Sammetstreifen lagen die Brauen unter der schneeweißen Stirne, die Nase strebte in die Weite, die dunklen Haare lockten sich, die vollen Wangen glühten – ein üppiger Orientale mit dem leichtwallenden Blut des Abendländers. Er war ein flotter Tänzer, Hofmacher und Witzbold, und beim Absingen der Chöre, was eine Nummer des Ballprogramms bildete, übertönte sein schmetternder Tenor das ganze Stimmengewühl.

Diese üppigweichen Klagelaute berauschten Laurent. Sie höhnten einander und wimmerten gemeinsam. Ihr Jammer klang wie Liebesrasererei, so leidenschaftlich hoffnungsvoll und krankhaft verzückt, wie angesichts himmlischer Visionen. »Wirf ab das Leid, das Schmerzenskreuz!« war ihr Schlachtruf, triumphierend erhoben sich die Klänge in ein phantastisches Schmerzensreich, und die weichsten Herzen mußten jauchzend einstimmen in dies Halleluja eines unglücklichen Volkes.

Sieh da, Raskolnikow! dachte Laurent beim Anblick eines jungen Mannes, der spöttisch in einer Ecke lehnte. Hunger und Hochmut blickten aus seinem Gesicht, das selbst auf die eigenen Leidensbrüder zornig herniedersah.