»Aber ich fürchte es! Richten heißt bei ihnen vernichten! Dies Gericht bedeutet meine Hinrichtung!« Merkwürdig, wie schlecht er plötzlich auf die Seinen zu sprechen war. All seinen Ekel gegen sie, welcher ihm ein so bitteres Weh zu bereiten schien, wollte er in die Brust des andern pflanzen, in ihm einen Widersacher werben gegen seine Widersacher. Ordentlich, als ob er auflebe: endlich ein Andersgläubiger, der Mann einer fremden Nation!
Entweder ist er unschuldig, und ich muß ihn retten, oder er ist schuldig, und ich muß ihn gleichfalls retten, dachte Laurent und rief auf alle Fälle:
»Ich glaube Ihnen und stehe für Sie ein!«
Er wußte nur soviel, daß man auftreten mußte, aber auftreten! Lärm schlagen, einen Höllenlärm! Er liebte Schwung in allen Dingen. Fein sollte es bei diesem Rettungswerke hergehen und vor allem korrekt. Und der polizeischeue, friedliebende Laurent, der, wie gesagt, seine tausend Gründe hatte, Duellsachen wie die Pest zu hassen, rief:
»Sie müssen sich mit Federscher schlagen!« Aber Sie werden sich nicht mit ihm schlagen! Das wäre! Je connais mes braves! fügte er im stillen hinzu und, seiner Sache gewiß, wiederholte er ganz Feuer und Flamme: »Sie müssen sich mit ihm schlagen!«
Es galt eine Komödie, nichts weiter, nur eine heilsame Herausforderung. Ein Blick auf Adler, der ihn unschuldig anstarrte, überzeugte ihn, daß der Coup zu wagen sei.
»Aber, Herr Adler, ich weiß ja, daß Sie sich noch nie duelliert haben und sich nie duellieren werden!« suchte er ihn und sich selbst zu beruhigen. »Gerade wie Sie es wissen, daß ich noch nie Zeuge gestanden habe und auch nie und nimmer Zeuge stehen werde. Davon ist gar keine Rede!« Wie mußte er über seinen Einfall lachen, diese beiden treuherzigen Hasenfüße zum Duell verleiten zu wollen, sei's auch nur zum Schein. Doch wußte er, daß das ritterliche Auftreten seines Schützlings eine ungeheure Wirkung bei seinen Gegnern hervorrufen, sie einschüchtern und entwaffnen würde, und daß es nur eines einzigen Krakehlers bedurfte, ein tausendköpfiges Heer von Feiglingen in die Flucht zu jagen. Auf die Feigheit baute er, drum hatte er Mut.
»Kennen Sie außer mir noch jemand, der bereit wäre, Ihnen Zeuge zu stehen?«
»Jawohl, Klein.«
»Wohlan, so bringen Sie Herrn Klein zu mir. Wir gehen in Ihrem Namen zu Federscher!« Als er erfuhr, daß dieser und Adler vor den Thoren der École de médecine sich bereits geohrfeigt hatten, schrie er vor Vergnügen: »Ich werde ihn fordern, und er wird sich weigern. Er wird sagen: »Ich weigere mich, weil –« »Wenn Sie sich weigern, dann –« werd' ich sagen. »Das Ehrengericht!« wird er schreien. »Kein Ehrengericht!« werd' ich schreien. »Ja! ja!« – »Nein, nein!« »Das werd' ich sehen!« »Das wollen wir sehen!« – Das weitere würde sich selbst ergeben, wenn erst nur die Präliminarien eines Duells Wunder thaten, und letzteres nie zustande kam.