Adler sei sein Schulkamerad gewesen, begann er, er habe ihn immer für einen anständigen Menschen gehalten, seine Ehrenhaftigkeit genugsam erprobt und könne den Beschuldigungen nie und nimmer Glauben schenken.

Mehr tot als lebendig stammelte Klein: »Adler ist nicht besser und nicht schlechter als alle andern –« doch ließ man ihn nicht ausreden, Laurent gar nicht zu Wort kommen, der Russe mit dem Charakterkopf trat vor die Schranken.

Seine grobe Kleidung, sein bäuerisches Wesen, alles an ihm zeugte von schadenfrohem Mut, und selbst seine starken Backenknochen schienen ein Abzeichen des müde gehetzten Rebellen. Nach einer kurzen Erklärung an Pokuroff wandte er sich zornglühend an Adler. Schmerz und Wut zersprengten ihm schier die Brust. Sein Freund sei bei seiner Rückkehr in die Heimat verhaftet worden infolge einer Denunziation Adlers. Der Name Sedlin – so hieß dessen Gönner, der Botschaftskanzler – kehrte immer in seinen Klagen wieder. Er tobte nicht, er weinte und schrie, als müßte ihm das Herz brechen: »Verräter!«

Adler sprang auf. Wie ihm das Herz aufzuckte in Verzweiflung und Bosheit! Die ihn ausgehungert hatten und zum äußersten getrieben, um sich an seiner Wut zu weiden, kamen auf ihre Kosten. Wie ein befreiter Riese stand er da. Mit erhobener Faust schien er jenem das Wort buchstäblich ins Gesicht zu schleudern, und gleich einem wilden Triumphgeschrei entrang es sich seiner Brust: »Lüge! Lüge! Lüge!«

Erschrocken brachte Federscher seine Klage vor. Seine Katzenaugen blickten scheu, sein Schnauzbart sträubte sich – nun wußte Laurent, wem er so sprechend ähnlich sah, einem Löwen, einem sanften, entarteten, verächtlichen Löwen.

Ein schmieriges Individuum, das Adler um Stipendien sollte betrogen haben, ergriff das Wort. Lichtblond, blauäugig, mit erfrorener Nase und krummen Beinen – seine Erscheinung war so jämmerlich als belustigend, zumal aber seine Art, das Russische zu radebrechen, wobei er weder die Richter noch den Angeklagten, sondern die anderen anblickte, sie als seine Zeugen und Aufstachler anzurufen.

Adlers Antwort war ein Leugnen. Er selbst sprach ein vortreffliches Russisch. Jedes Wort aus seinem Munde klang einleuchtend und verblüffend, wie eben die Rede eines gescheiten Menschen. In diesem Moment war er Russe, Russe mit Leib und Seele. Sein scharfgeschnittenes Gesicht schien zwar mit der slavischen Mundart in Widerspruch zu stehen, woran er sich aber blutwenig kehrte. Er wuchs mit jeder patriotischen Phrase, mit jeder volkstümlichen Wendung und freute sich am Scheine dessen, wonach sein Innerstes sehnsuchtsvoll drängte: Europäer zu sein, sei's Russe, was immer, zur Gegenwart zu gehören, nur nicht zu einem toten Volke.

Als brauchte er nur ein Wort zu sagen, um sie alle zu vernichten, stand er lächelnd da und hielt an sich. Von gekränkter Ehre war nicht die Spur an ihm, sein Gewissen schien unantastbar wie ein gesalbter König. Seine massive Schönheit, sein geschmeidiges Temperament, die spöttische Art, wie er seine Lumpen trug, alles an ihm schien zu frohlocken: Ich bin der Stärkere! Edle Wehmut im Antlitz gestand er, welch ein phänomenaler Mensch er sei, brach jedoch ab, als spräche er eine unliebsame Prophezeiung. Immer vertraulicher, immer vorwurfsvoller klangen seine Worte, ganz in der Art, wie gute Kameraden einander herunterkanzeln, und allen auf einmal ins Gesicht blickend, schloß er mit dem Fragezeichen: »Seid ihr ein Volk – was?«

Ein Schrei der Entrüstung gellte durch den Saal. Selbst die Richter fuhren auf. Man war zu starr gewesen, um ihn nicht ausreden zu lassen, nun aber hatte man bloß den einen Gedanken, den Frechling niederzustrecken. Man sah nichts als Teufelsgesichter. Das Jesusgesicht wirkte geradezu schaudererregend mit seinem Aufwand von Gift und Galle. Der mit den Tieraugen that einen Satz auf Adler, als könnte er sich von dem tödlichen Streich nicht enthalten. »Was wollen Sie?« herrschte ihn Pokuroff an, und um der Sache ein Ende zu machen, hieß er ihn mit seiner Klage hervorrücken.

Er schrie um Geld, um Verkürzung und Schaden mit einem Blick voll Haß, voll Haß! Er hätte Adler zerfleischen mögen. Seine unglaublich dichten, unglaublich schwarzen Haare sträubten sich. Wütend klagte er über Hunger, und sein dicker Körper erbebte, sprach von Weib und Kindern, und sein Zorn steigerte sich bis zur Raserei. »Brot oder Blut!« stand auf seiner Stirne. Er machte einen widerlichen Eindruck, aber den Eindruck, daß er recht habe, daß der Hunger recht habe.