Adler zahlte Schimpf mit Schimpf, Pokuroff mußte ihn zurechtweisen. Mehrere Stimmen wurden zugleich laut, die Hälse reckten sich, die Augen blitzten, man steckte die Köpfe zusammen oder schrie von einer Ecke in die andere. Die Richter waren vergessen, man fühlte sich ganz unter sich. Die Anklagen regneten, der Name Sedlin ertönte aus heiseren Kehlen. Der mit den Tieraugen sprach in alles drein und kam, wovon auch die Rede war, mit Ziffern und Zahlen. In einem Moment unwillkürlicher Stille stieß das Jesusgesicht einen Fluch aus. »Spion! Dieb!« erscholl es von allen Seiten, und wiederum der Name Sedlin. Es war kein Tribunal mehr, sondern ein Zanken, Streiten, Sich-in-den-Haaren-liegen. Das Tiergesicht, Kleins gramvolle Züge, das Mondgesicht Zedekoffs, Federschers unlöwenhaftes Löwengesicht, Goltschmanns ideale Züge – ihre Gesichter hatten eine große Familienähnlichkeit. Wie leibliche Brüder erschienen diese Bettler, indem sie, in glühendem Patriotismus nach Brot schreiend, über einen Bettler herfielen, weil er mehr erbettelt hatte als sie. Der jugendliche Richter lächelte verlegen, der Strenge triumphierend.
Der Rächer seines Freundes, der auf Spionage klagte, drängte auf die Verurteilung. Pokuroff forderte neue Beweise. Der Kleine mit dem Gassenbubengesicht hielt eine Ansprache. Adler schwankte, ob er ihm nicht einen Sessel an den Kopf werfen sollte. Ein schmerzlicher Ausdruck legte sich auf seine Züge, als Goltschmann sich erhob, um wider ihn zu zeugen. Der mit der erfrorenen Nase bekam Mut und schrie immer unverschämter. Das Jesusgesicht hatte eine Schar um sich und hetzte. Die Schwüle, der Dunst im Saale wurde unerträglich. Der junge Richter fächelte sich mit dem Taschentuch, der Strenge flüsterte Pokuroff etwas ins Ohr. Einige Hungrige hatten sich fortgeschlichen. Soeben that Zedekoff den gähnenden Mund auf, um auch als Kläger seine Pflicht zu thun, als Pokuroff sich erhob und erklärte, daß es Essenszeit sei, und die Beratung nach Tisch wieder aufgenommen werde.
Adler ging mit dem Irkutsker. Die Schreier zerstreuten sich nicht sobald. Laurent, der sich Pokuroff und dessen Assistenz angeschlossen hatte, sah wie betäubt um sich auf der tosenden Straße, sich fragend, ob Paris wohl eine Ahnung hätte von den Völkerschaften, die es beherbergte, und von den Revolutionen, die sich in seinen Spelunken abspielten.
Im russischen Gasthaus, wohin sie sich begeben hatten, lief Trebatsch wie ein Wahnsinniger hin und her. Nun hatte er eine dicke, rosige und eine blasse, magere Tochter, da ließ es sich auch besser kommandieren. Bei der berühmten Gerstensuppe unterhielten sich Pokuroff und Laurent von Dostojewski und dessen Stellung zum Nihilismus. Von dem Zwiespalt, in dem der Dichter die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, sprach dieser in traurig vorwurfsfreiem Tone, wie man etwa von einer Gehirnentzündung spricht, seinen Abfall bestritt er als Lüge. »Er konnte uns nicht aus seinem Herzen reißen,« behauptete er, »wir haben ihn als den Unsrigen begraben.«
Am Tisch nebenan dinierten die beiden andern Richter. Der Strenge mit Würde und Appetit, der Jugendliche mit zimperlicher Neugierde, indem er nicht müde wurde von einer russischen Fürstin zu sprechen. La princesse her, la princesse hin, und das Wort wurde zum Begriff des Erhabensten, wenn er es mit sehnsüchtigen Lippen aussprach, voll Feuer und Ehrfurcht. »Sie giebt Lektionen?« fragte der andere. »Nicht doch,« war die Antwort. »Elle fait la lecture.«
Um neun Uhr wurde das Gericht wieder aufgenommen. Nun herrschte eine matte Stimmung. Einer verließ sich auf den andern und alles auf die Verurteilung. Auch Adler war es satt, seine Unschuld zu beteuern. Der Ausgang seines Prozesses, daran er nicht hatte denken können, ohne zu fürchten, den Verstand zu verlieren, dünkte ihm plötzlich eine Lappalie.
Mit der Abspannung kehrte auch Kälte ein. Der Irkutsker ging ungeduldig auf und ab. Auch andere verließen ihre Plätze und hauchten sich auf die erstarrten Finger. Mitternacht rückte heran. Die Richter zogen sich in das Wohnzimmer des Cafetiers zur Beratung zurück. Adler ging hinaus auf die Straße. Man war schon halb eingenickt, als jene wieder erschienen, das Urteil zu verkünden. Es fand ein gleichgültiges Auditorium.
»Haben wir positive Beweise für die Schuld des Angeklagten?« begann Pokuroff. »Nein, nein und nein! Dennoch müssen wir Herrn Adler tadeln,« und diese Worte waren ein Beweis für die mutige, gewandte Selbstverteidigung Adlers, da ihn ja der Redner von früher her nicht kannte, »daß ein so hochbegabter junger Mann, wie er, die Unvorsichtigkeit beging, mit einem Sedlin Umgang zu pflegen, dessen Name nicht nur im revolutionären Lager, sondern auch bei der Gegenpartei verpönt und verachtet ist.«
Laurent lief zu Adler hinaus, der frierend an der Straßenecke stand und die Kunde seiner Freisprechung mit gekränktem Lächeln hinnahm. Kaum konnte er sich aufrecht halten. Laurent und den gleichfalls herbeigeeilten Klein unter den Arm nehmend, führte er sie in ein nahes Caféhaus. Er war bei Geld und bewirtete sie mit Grog. So saßen sie beim heißen Trunk guter Dinge beisammen. Zärtlich blickte Adler bald den einen, bald den andern an oder starrte träumerisch ins Blaue. In seiner Freude sah man erst, wie vergrämt der Arme war. Entzückt über sein Abenteuer, das gottlob einen Abschluß gefunden, machte Laurent Klein Komplimente, sich in der Affaire tadellos benommen zu haben, als mitten in die herrliche Stimmung Adler wie ein Donner hineinfuhr:
»Aber jetzt muß Federscher das Duell annehmen! Das bleibt ihm nicht geschenkt! Je vais le battre comme une canaille! Sie sind mein Zeuge, Herr Laurent!«