Da vernahm er ein Geräusch, wie wenn dürre Äste brechen. Nun kam etwas, diesmal gewiß; bei Gott, die Loser eines Tieres wurden sichtbar! Mit leisem Tritt, vorsichtig nach allen Richtungen sichernd, trat es in die freieren Stauden. Noch ein Stück, ein zweites Tier, sie fingen Wind, ob es auch geheuer, und im Hintergrund – o heiliger Hubertus! – der Hirsch, das Haupt hoch in fortwährender Bewegung.

Nur jetzt Ruhe! dachte der Schütze. Seine Pulse flogen, die Kniee schlotterten ihm, mit zitternder Hand drückte er die Büchse an die Wange. Die Gesellschaft trat näher. Alles stand auf dem Spiel. Ruhe, Ruhe, ums Himmels willen! Zwischen den Stauden erblickte er die große rote Flanke des Hirsches. Gleich einer Scheibe stand er vor ihm – da drückte er los.

Bum! In wilder Flucht, krachend durch die Büsche thalwärts war das Wild verschwunden. Es war eine gewaltige Flucht. Welch ein gutes Schußzeichen!

Dennoch begann nun erst die Qual: War ich auch ruhig genug? Er zitterte noch an allen Gliedern. Reue und Ungeduld verzehrten ihn. Eine Art Verzweiflung erfaßte ihn und ein jäher, glühender Ehrgeiz. Wenn er nur diesen Hirsch, diesen seinen ersten gut hinaufgeschossen hätte!

»Hup! hup! Darf man gratulieren, Herr Oberlieutenant?« fragte, herbeieilend, der Förster. »Starker Hirsch! Zwölfender! Kapital! War gut drauf, ein wenig aufgeregt, doch gut gezeichnet.« Ihn schüttelte es noch am ganzen Körper. »Hier ist der Anschuß. Ausreißer damisch gut. Der hat 'was kriegt! Doch keine Nadel, kein Schweiß – macht nichts!«

Auch der Jäger war zur Stelle, den Schweißhund auf die Fährte zu legen. Lux fiel sie gut an, stand förmlich auf den Hinterpfoten. Wie er sich in die Riemen legte!

»Geht sehr gut, ausgezeichnet, Herr Oberlieutenant!« versicherte Pachmayer, doch vollends sieghaft ertönte sein Ruf: »Schweiß! Lichter! Lungenschuß! Gratuliere!«

»Wirklich, wir kriegen den Hirsch?« jauchzte der Glückspilz und Held. »Das macht mich kolossal glücklich!« Toll vor Glück und Seligkeit flog er dem herbeieilenden Bruder an den Hals. Er war ganz Dankbarkeit, ganz Rührung, wie über ein großes, unverdientes Glück, das ausreichte fürs ganze Leben. Siegesbewußtsein durchströmte seine Brust. Erst in seiner Freude sah man, was für ein ganzer Mann er war. Hurra! Er war wie verrückt. Es war der größte Moment seines Lebens, als Pachmayer aus der Entfernung von etwa hundert Schritten ein Triumphgeschrei erhob: »Juch huh! Juch huh! Der Hirsch liegt! Kernschuß mitten aufs Blatt!«

Die Brüder eilten zur Stelle. Da lag der König der Wälder, alle Vier von sich gestreckt. Die Krone schmückte sein Haupt, so lag er sterbend zu Füßen des Schützen.

Dem war, als sollte er das Haupt entblößen. Jubelnden Herzens hielt er im stillen eine Leichenrede. Da liegst du, Gott sei Lob und Dank! Herrlicher Riese, ich brauch' mich nicht zu schämen vor dir, ich machte dir den Garaus. Es kostete mich meine ganze Selbstbeherrschung. Wie mußte ich mich zusammennehmen! Herrgott, was war das für ein Moment! Er stählte meine Sehnen und gab meinen Knochen Mark. Nun fühle ich Selbstvertrauen genug für hundert Jahre. Stirb ruhig, du hast meine ganze Schneid entfacht!