Rudolf atmete tief. Sein Fuß versank in Goldgras wie in weiche Schleierfäden. Tief aus der Mulde erhob sich eine Fichte in Bergeshöhe. Dann wieder wogte ein Meer von Baumkronen zu seinen Füßen. Mitunter hörte er ein Bächlein rieseln. Überall rann und rauschte es.
»Meiner Seel', ich bin so aufgeregt,« flüsterte er. »Die Geschichte wird spannend.« Der weiche Alpenboden, die dünne, würzige Luft, die gespensterhaften Wetterlärchen, vom Sturm zerzaust und zerrissen, und der immer lauter werdende Brunftruf des Hirsches ergriffen ihn.
»Das ist ein Kampfruf!« rief er. Es packte ihn wie Fieber. So muß es dem Soldaten beim ersten Schlachtruf sein.
»Sind wir schon da, Pachmayer?« hieß es. »Wir müssen ja schon da sein.«
»Verschnaufen wir uns,« meinte dieser, »indessen wird besseres Schußlicht. Da unten rechts melden sich zwei. Der eine muß ein starker sein. Hat der einen Baß!«
»Also den, Pachmayer,« befahl der Jagdherr, »den werden Sie mit Jörg vom Hundschupfen aus riegeln. Am besten, ich setze dich am Mangankogel an,« wandte er sich an den Pirschgenossen, »und ich stelle mich zweihundert Schritte tiefer an den Wechsel.« Die nötigen Direktionen waren somit gegeben; er wartete nur noch mit seiner Flasche auf: »Da hast du Cognac! Mach' einen tüchtigen Schluck! Es wird kalt, sobald der Morgen anbricht. Wettermantel hast du? Jörg, die Wettermäntel her!«
»Herrgott, wenn er mir nur kommt!« flüsterte Rudolf angstvoll. »Und wenn ich nur nicht zu sehr aufgeregt sein werde!«
»Beherrsche dich! Nur Ruhe! Ruhe! Wenn er dir kommt, kommt er dir vertraut. Laß dir Zeit! Der Wind ist gut. Waidmannsheil!«
»Waidmannsheil!«
Der Offizier stand auf seinem Posten. Dämmerungsschatten legten sich auf den Wald. Tiefe Stille herrschte. Dort bewegte sich ein Zweig, hier fiel ein Blatt. Noch war nicht volles Schußlicht. Horch, ein Laut! Nein, es war Täuschung. Ihm schlug das Herz im Leibe. Wird er mir kommen? Werde ich nicht zu sehr aufgeregt sein? ängstigte er sich, als hinge von dieser Frage Tod und Leben ab. Er zitterte und bebte, hätte sein Leben hingegeben für einen schönen Schuß. Noch nie hatte er so mit Leib und Seele gelebt.