»Hunde!« knirschte Karl, der sich von der ganzen Menschheit angegriffen sah, und packte den Vorwitzigen beim Kragen. Der kannte derlei schlechte Späße; er hatte früher beim Herrn Coëtlogon gedient.

»Na, Sie profitieren ja bei uns!« meinte er.

»Hast recht,« meinte Karl. Ich muß das Gift los und wieder der Alte werden! dachte er verzweiflungsvoll. Instinktgemäß verlangte er nach Frauengesellschaft, nach müßigem Geplauder, und so spannte er denn Carabine vor das Gefährte, um Frau Cosmao einen Besuch abzustatten.

Sein Weg führte an der »großen Mühle« vorbei. Der Müller und sein Sohn hatten vor Jahr und Tag mit ihren Nachbarinnen, Mutter und Tochter, Hochzeit gemacht und führten in der einzigen Stube der Mühle gemeinsamen Haushalt. Das Mühlrad ruhte jetzt, und vor der Thür lag der junge Müller, das aufgedunsene Gesicht der Sonne zugekehrt, starr und leblos im Staub. Karl hielt ihn für tot. Ihn schauderte. Gab es etwas Widerwärtigeres, als eine Leiche? Wilder Schmerz erfaßte ihn, die schöne Erde so geschändet zu sehen, er hätte sich niederwerfen und bitterlich weinen mögen. Da trat die junge Müllerin aus dem Haus, ein blühendes Geschöpf von kaum sechzehn Jahren mit gerader Nase und strahlenden, weitgeschlitzten Augen. Sie drückte ihren Säugling an sich, und als ob sich ihr Elend von selbst verstünde, sagte sie einfach, fast würdevoll:

»Das ist mein Mann, er ist betrunken, der schlechte, schlechte Geselle!«

»Ha, ha, ha!« Karl lachte auf, und in der Überzeugung, daß der Mensch nicht wert war, daß er lebte, nahm er für den Tod Partei und lobte ihn in gönnerhafter Weise: Du hältst die Jugend heilig, Meister aller Meister! Ja, der bist du, Tod, doch ich bin auch etwas: ein Mann, ein leichtes Blut, ein Unkraut, das nicht verdirbt!

In heiterster Laune kam er bei Frau Cosmao an. Vor nicht langer Zeit hatte diese ein kleines Bauerngut um einen Spottpreis gekauft, drauf ein Schlößchen bauen lassen und Haus und Garten mit dem schönen Namen Kergazon bedacht, dem Land und Leute, ja selbst die Post, Rechnung tragen mußten. In ihrem Salon hing eine Sparbüchse mit der Inschrift: »Heiliger Joseph, zahle meine Schulden.« Sie war schrecklich angezogen, aber noch frisch, eine gesunde Brünette und Witwe war sie auch. Gern ging Karl auf ihre mutwilligen Scherze ein, er allein sei der Mann, ihr Sohn und Gatten zu ersetzen.

»Sie haben viel von meinem Sohn,« versicherte sie lebhaft, »er war in Ihrem Alter und das Leben selbst, wie Sie.«

»Und ob er mir ähnlich war!« rief er, als er das Bild des stattlichen Schiffsfähnrichs zu sehen bekam. »Sogar die zusammengewachsenen Brauen hatte er mit mir gemein.«

»Was ein Zeichen frühen Todes sein soll,« fiel sie ein. »Sollten Sie glauben: Wie gestern schrieb er mir um Geld, ich antwortete ihm wie heute: Aber mein Sohn, man muß doch auch an die Zukunft denken! Und wie morgen war er tot. Er durchtanzte die Nacht, that einen Trunk, und aus war's.«