Ach, nun nahte die Schlimmste – die Haberkorn. Tausend verquälte Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt es vielmals auf der Welt, dachte sie.
Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war scharf.
Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch gesehen.
Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.
Ihr ganzes Lebensideal war – die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres Schaffen! Und dann noch etwas – ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer – in ihrem Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt – oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa Cöldt.
Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte – dann vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark, mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in der Pension auch kein anderes Zimmer frei.
Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor – wie schön war es, hier zu wohnen – so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor – sie sagte es lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine Frau so weit kommen konnte!
Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt lachten sie – sicher über sie – über ihre verschossene Bluse. Ach ja, darüber hatte schon manche gelacht.
Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen – die ganze Schar drängte auf sie zu und gab ihr die Pfötchen.
Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei – da ging die Türe auf. Die Vorsteherin, und hinter ihr – erbarm sich der Himmel – die kleine Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen – ja, das war sie.