Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die ›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten Felder der Phantasie?
Denn er war ein Phantast.
Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern konnten – er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam, obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie auch ab.
Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
* * *
Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien hatte er ein interessanteres Thema angefangen – jetzt horchten schon mehrere darauf.
Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es kam ganz zufällig.
Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen, kannte Reicke und Bölsche – für Bölsche interessierten sich sogar die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war. Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und sollte jetzt zu Reinhardt kommen.