Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell zusammengefunden hatte –, man war ja gleich und beim gleichen Werk eingespannt.

Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.

Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte – jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war immer ›Die Kindesseele –‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr Herz wurde butterweich – es war doch ein schöner, edler Beruf!

Sie fühlte sich glücklich.

Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit begonnen hatte – er hatte es gemacht, nicht sie.

Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen Fremden doppelt wiegen.

Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses, verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war, wie weit es reichte.

Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit großer Entschiedenheit abgelehnt.

Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen vermochte.

Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig, Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.