Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die Augen.
Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war, als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes Zimmer.
* * *
In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen Lauscherposten aus.
Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu. Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte), sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend anerkannte – auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er nicht, aber die hatte ja immer Pech.