Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte Kultur – das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt. Das andere verfiel.
Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er nicht.
Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte, einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen und Erworbenes in sich vereinten – war es nicht das, was sie Jahre und Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?
Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen, das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und Bedrohungen mit erleben wollen – sie wäre eine kostbare Teilhaberin geworden!
Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.
Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.
In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.
Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.
Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr Herz.
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