Um zwölf Uhr – das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die weiche, dicke Luft – guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut auf.

Da kam es von rechts und von links.

Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem Schirm und einem galanten Spruch.

Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.

»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem anderen.«

»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre höchstens zärtlich hinterhergestapft – wenn er nicht noch rechtzeitig den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes nicht!

Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des Doktors.

Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.

Jeder im Schnee.

Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.