Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.
Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.
Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften des Doktor Bartelmes.
Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.
Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des Reuttersschlosses entsprechend geraten – die Ungeratenen meldeten sich erst nicht.
Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über denen Doktor Bartelmes wachte.
Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.
Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.
Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des aufgehängten Fräuleins – wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte, gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte, diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.
Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte, erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand –‹ und kettete einen leichten Rhythmus an den anderen.