Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.

Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man doch nicht immer.

Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte, von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen. Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten besorgt worden.

Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit weg, im goldenen Mainz.

Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück. Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.

Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt. Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen, was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz entwickelt war.

»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.«

Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf, leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.

»Ich gebe dir's nicht.«

Hardi schrie, sie bettelte.