Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierig die Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlich erzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, und stemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzen und ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.

Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdens blieben den Kindern gleichgültig. Sie grübelten nicht.

Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.

Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.

Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen, das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosen Energie schaltete sie alles Schwache aus. Die Lehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, die Schülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofort entfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.

Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. Ihrem Schritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer erröteten vor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleich ihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.

Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen, Hardi aber bekam sofort ›Halbheit‹ vorgeworfen, das Schlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte, ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andere Geisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit, die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.

Christiane kam ihr rasch voraus in die Oberstufe, wo sie mit Ada Wehrendorf zusammentraf, die aus ihrer Heimat stammte. Der Vater, ein Justizrat, war rasch gestorben, und für das völlig verwaiste und vermögenslose Ding mußte bald ein Lebensunterhalt gefunden werden, zumal sie dünn wie eine Spindel und ohne jedes Temperament war. Beim Abschlußexamen kam sie mit einer knappen Drei heraus, während sich die glänzendste der Schülerinnen, der Fräulein Schmöckler keinerlei Halbheit hatte vorwerfen können, noch an demselben Tage öffentlich verlobte und somit ihre ganze Weisheit und eine ihr von der Vorsteherin schon bereitgehaltene Stelle glattweg preisgab.

Hardi kam Christiane verweint entgegen, denn die Schmöckler hatte ihr an dem Tage bedeuten lassen, daß sie für ihren Teil am besten täte, die aussichtslose Sache zu lassen. So reisten beide Dorreyters mit Sack und Pack nach Hause, und die Mutter verriet in ihrem Entsetzen über das Unglück der geliebten Jüngsten keinerlei Freude über Christianens Sieg.

Die merkte nichts davon, denn Fräulein Schmöckler hatte ihr die von der Braut ausgeschlagene Stelle in einem vornehmen Töchterinstitut der Schweiz verschafft, und der Himmel hing ihr voller Geigen. Sie packte von neuem, und mitten im Kramen fielen ihr auf einmal Briefblätter entgegen, die die Mutter bewahrte, und sie las neugierig darüber hin.