Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten. Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder – mitten in der Jugend – eine Stunde, in der man Hilfe brauchte – solche Hilfe?

Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte – Morphium.

»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins – Freie?«

»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.

Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum duftete über den Zaun.

Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte. Aber – wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war. Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat. Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er schon – fertig? Was war alles vorgegangen?

Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade hier die Tragödie beginnen?

Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch. Und dann – kam der neue Kurs.

»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.

»So lange ich Arbeit habe, ja.«