Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.

Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.

Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema wieder auf.

Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im Gedächtnis.

Grau und schlaff
Dehnt sich das Haff.
An der Straße von Bischoffshausen
Müssen noch Linden in Blüte stehn,
Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn
Und höre heimlich ein Bienenbrausen,
Das leise Rauschen der brandenden See.
Nie rastendes Weh,
Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten
Bis zur Seele mir stiegen,
Nun lege auch du
Wie das Meer da draußen,
Dich endlich zur Ruh.
Mit diesem Sommer wirst du verbluten,
Herz, das nie gelernt zu entsagen.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ich will hinab nach dem Hofe sehn.
Daß ich so frei darf gehn
Ist mir noch immer wie ein Traum.
Früher merkte ich's kaum,
Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.
Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.
Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.
Es dauert eine gute Weil,
Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. – – –
Heiß und schwül war es droben.
Hier unten ist's kühl und abendstill.
Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.
Wie Gold ist die Luft,
Purpurn im Abendduft
Über dem flutenden Tief
Ragt die Feste.
Die immer leise rief,
Die See, schläft ein,
Der Abend allein ist das Beste.

Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts – – Der Abend allein, dachte sie – – –

Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da eine zarte Welle Lyrik.

Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren eine Liebeserklärung.

Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.

Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig – weiß? dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat –?