Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe heranreichen.
Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.
Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema wieder auf.
Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt. Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im Gedächtnis.
Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts – – Der Abend allein, dachte sie – – –
Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da eine zarte Welle Lyrik.
Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren eine Liebeserklärung.
Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone, denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.
Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig – weiß? dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat –?