Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.

Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen. Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut, die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen, vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen, bunt, voll Putz.

Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*) mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall Augenkranke.

*) Polonisierte Bambergerinnen.

Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen, als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der war ein Deutscher.

»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer, feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.

Er hatte es.

Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden wehen, die Buntfeuer lohen und das ›Jeszcze Polska‹ über die Wasser klingen.

Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft, ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste. Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten, Land.

Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes Land – fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen – die Fremde, die unendliche Ebene, die Steppe.