Man tat gut, wenn man floh.

Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.

Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder vielleicht sprachen sie dort alle so.

Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort, sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer fester damit verflocht. Mainz – da konnte sie das Grab der Frau von Rhane suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.

Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.

»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig, in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele –!«

Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte das Milieu, dem er entstiegen war – es klebte ihm ja an! Wie er an den Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte – die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war – in Mainz.

Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.

Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen – – die nicht. Nicht die Ehe scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.

Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.