Zu Ostern zog die Forstmeisterstochter in eine Pension – Christiane hatte wenigstens erreicht, daß es kein ›Erziehungskasten‹ war – und sie selbst ging als Lehrerin in eine Privattöchterschule von Fräulein Gusti Schellenbaum zu Crivenwalde in Mecklenburg. Fräulein Gusti war bucklig. Sie hakte Christiane schon am Bahnhof ein und erklärte, daß sie vom Rhein stammte, nicht etwa von hier aus dem steifen Norden. Übrigens sagte sie ›s–teif‹ und teilte der Lehrerin mit, daß sie auch so s–prechen müßte, sonst hätten die Kinder keinen Res–pekt vor ihr. Man müßte das lernen.

Sie kamen an der Schule vorbei, die den unteren Teil eines hübschen Hauses einnahm. Oben wohnte Professor Thiele, das erfuhr Christiane auch. Das Fräulein nickte zu ihm empor. Sie gingen über den Spielhof, der von großen Linden umstanden war und ein paar dürftige Recks und Stangen und eine vergessene Puppe zeigte, und dann durch eine Hintertür ins Haus. Alle mußten durch die Hintertür, das Portal vorn war verschlossen. Warum wußte Fräulein Gusti auch nicht. Sie hatte es so von ihrer Vorgängerin übernommen. Die lebte noch am Orte und zwar als die Gemahlin des Tierarztes. Mit fünfundvierzig Jahren hatte sie sich den Tierarzt gekapert – zufällig, weil ihr Kanarienvogel krank geworden war – und zusammen waren sie über hundert Jahre alt. Es war eine junge Ehe.

In Crivenwalde sah man dem Paar nach, wenn es auf der Straße erschien. Man sah überhaupt den Leuten nach.

Fräulein Guste s–prach eine Weile darüber, dann brachte sie ihrer neuen Lehrerin Kaffee. Sie hatte übrigens keinen Kanarienvogel, sondern nur Lachtauben. Und die waren gesund. Und wenn sie etwa krank würden, so würde sie doch keinen Tierarzt in Anspruch nehmen. Fräulein Gusti zog die Nase kraus. Sie schien an dem krankgewordenen Kanarienvogel ihrer Vorgängerin etwas zu finden.

Nun kam sie auf den Professor Thiele zu sprechen. Das Haus gehörte ihm, und er hatte es der Schule gestiftet. Sonst müßten sie noch in der kleinen Bude drinnen am Neumarkt hausen. Schrecklich soll es dort gewesen sein! Ja, also der Professor hatte sein Testament zugunsten der Schule gemacht, und die genoß schon bei seinen Lebzeiten davon. Er hatte sich ausbedungen, daß er in dem Hause wohnen bleiben und manchmal mit den Kindern sprechen durfte. In der Pause kam er immer herunter und verteilte Äpfel oder Bananen oder Schokolade. Die ganz kleinen Mädchen hielten ihn für den lieben Gott. Er war neunzig Jahre.

An der Schule waren noch zwei Lehrerinnen tätig, die Schwestern Dittmer. Nachher wollten sie die neue Kollegin begrüßen. Fräulein Dorreyter solle bei ihrem Anblick nicht erschrecken – sie seien ein bißchen lang. Die Kinder nannten sie die ›Erzengel‹.

Übrigens herrschte ein recht gemütliches Leben an der Schule.

Ob Fräulein Dorreyter – Frauenrechtlerin sei?

Christiane sah kritisch auf die Bücher und Broschüren, die das Fräulein sofort heranschleppte. Sie mußte sie mitnehmen. Die Vorsteherin tat es nicht anders. Und morgen fing die Schule an.

Christiane ging ins Hotel ›Friedrich Franz‹, dort wußte man schon von ihrem Eintreffen. Der Geschäftsführer hatte ihr bereits ein recht freundliches ruhiges Zimmer reserviert – die Damen von der Schule wären ja immer recht nervös. Er stellte sich als Berliner vor. Vorn nach der Straße wohnten die Reisenden. Crivenwalde betrieb einen Handel mit Bratheringen und Sprotten. Sie merkte es bald, denn die Stube war gleich voll von dem Duft einer nahen Räucherei.