Bei solchen Gelegenheiten schossen Christianens Gedanken immer nach Posen hin, obwohl sie viel ruhiger geworden war.

Sie konnte wieder objektiver an Hardi denken. In ihrem Herzen war eine Spur Mitleid mit der blutjungen Frau, die kinderzart und ahnungslos, von einer heißen Hand in die allertiefsten Geheimnisse verstrickt worden war. Immer wieder sah sie das junge Gesicht mit dem eigentümlich pikant sentimentalen, hilflosen Ausdruck.

Jetzt mußte Hardi reifer geworden sein und das tiefe Glück ihres Lebens erkannt haben.

Sie schrieb Christiane nicht. Ludwig sandte manchmal ein paar knappe Zeilen, die sie unterzeichnete.

Christiane brauchte nichts von ihm zu wissen – sie las von ihm. Seine Name tauchte immer öfter in den Zeitungsspalten auf, er hatte ein Buch über die Ostmark geschrieben, das sowohl von der einen, wie von der anderen Seite Angriffe erfuhr, obwohl von keinem übersehen wurde, daß da ein kommender Mann sprach. Der Nationalitätenkampf war längst aufgebraust, die Deutschen erwacht. Jetzt tafelte kein hoher Regierungsbeamter mehr mit den Polen.

Christiane lebte in diesem Kampf: sie verlor nicht einen Moment davon. Mitten in den sächsischen Wäldern und Bergschluchten, wo die Forellenwasser rauschten, dachte sie an die Völkertragödie des Ostens und an Ludwig von Cöldt.

Es ist schön, wenn der Liebste ein großes Werk hat, schön, wenn man seinen Namen in den Blättern lesen kann. Man weiß immer von ihm. Er ist immer nahe. Er lebt.

An einem glühenden Herbstnachmittag des zweiten Jahres fuhr Christiane nach Johann-Georgenstadt an die böhmische Grenze, hörte wieder scharfe, fremde Laute statt des braven Sächsisch und warf einen Blick in eine Welt, die eine Spur Ähnlichkeit mit der besaß, die sie im Osten verlassen hatte.

An den abendblauen Bergen, den glühenden Vogelbeerstraßen und den klirrenden Emaillierwerken vorbei fuhr sie zurück und fand zu Hause einen Brief der Mutter, in dem gesagt war, daß Christiane Tante geworden sei. Hardi hatte ein Kind.

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