Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen Weg mehr hatten.

Das Feuer war nicht mehr da. – –

Der Hauch des fremden Gebirges umfing Christiane beim Aussteigen. Ein Wasser rauschte. Die Gassen liefen bald rechts, bald links, immer wieder vom Berg abgefangen. Gradeaus aber erhob sich auf einem Kegel die alte böhmische Burg Silberfähre. Mitleidslos hoch stieg der Weg zu ihr hinan, die kleinen Häuser verschwanden, das Wasser entlief weit unten, die Weite war nahe, der Himmel bog sich heran.

Nun war Christiane in einem Schloß.

Die Frau Forstmeister aber trug eine Küchenschürze, und drinnen über dem Feuer schmorten die Quarkkeilchen. Die Tochter kam aus dem Garten, ein schlacksiges, dreizehnjähriges Ding, von dem man noch nicht wußte, ob es hübsch oder häßlich werden würde. Es waren noch zwei ältere Töchter da, die sich nach der einen und der anderen Richtung längst entschieden hatten. Anna war schön, mit fuchsigem Haar und dem lebendigen, dunkel spiegelnden Blick des Waldtieres, Hella ein Kind des Schattens, klein, mit einem Zwergengesicht und einer Wichtelstimme. Anna war verlobt, Hella war schon über dreißig Jahre.

Die Lehrerin wurde nicht sehr angestrengt. Viele Vorgängerinnen hatten in Nora ein so queres und sonderbares Wissen angehäuft, daß es Jahre und Jahre gebraucht hätte, um es zu entwirren. Nora sollte aber in ein oder zwei Jahren schon in eine Pension.

Christiane wanderte viel in den einsamen Wäldern des Erzgebirges. Manchmal traf sie unterwegs den Forstmeister, einen kleinen, blonden, stumpfnäsigen Herrn, der sich noch immer darüber wunderte, daß man ihn im Münchner Hofbräuhause, ohne daß er noch ein Wort gesprochen, als Sachsen erkannt hatte! Manchmal mußte sie auch der Frau Forstmeister bei den Quarkkeilchen oder den grünen Klößen helfen und hatte dabei Gelegenheit, über nord- und mitteldeutsche Lebensführung Beobachtungen anzustellen.

Fremde Menschen sah sie fast gar nicht. Einmal tauchte Annas Verlobter, ein Gerichtsassessor aus Bautzen, auf. Ein jähes Feuer schoß aus seinen Augen zu Christiane hin, sie spürte seine heimliche Jagdlust und wich ihm aus. Bald danach hatte das Paar Hochzeit und verschwand vom Schauplatz.

Der ältesten Tochter kam Christiane nicht nahe. Die Zwergin saß bei gutem Wetter im Schloßgarten und bei schlechtem im Zimmer und klöppelte. Manchmal besuchte sie die armen Spitzenklöpplerinnen im Dorf. Sonst sprach sie fast gar nicht.

Die Frau Forstmeister empfing jeden vierten Mittwoch ein Kaffeekränzchen auf dem Schlosse. Dann mußte Christiane den dicken Fabrikantenfrauen die Mantillen abnehmen und ihnen den Kuchen präsentieren. Sie musterten die Erzieherin voll Neugier und Herablassung und hatten keine Ahnung, wie stark sie beobachtet wurden.