»Ja, ja. Ich hab ihn ja gekocht, aber dabei ... den Kaffee hineinzutun vergessen ... Sehen Sie ... hier ...« Sie deutete dabei auf ein braunes Pulver in einer Untertasse.
»Jetzt trinken Sie ihn nur, Frau Thomsen,« sagte Christiane und ging.
Als die Wirtin in der Folgezeit nicht nur das Kaffeepulver, sondern auch sonst allerlei vergaß, als das Mittagessen immer öfter ausblieb oder vollkommen ungenießbar war, als die Wirtin ihre Mieterin immer bedrohlicher anzuborgen begann und Christiane längst ihr Zimmer selbst rein hielt – sonst hätte sie es nie rein bekommen – mußte sie sich zum Ausziehen entschließen.
Sie zog mehr zum Hafen hinunter, was schon längst ihr Wunsch gewesen war, und die ›Erzengel‹ hatten ihr die neue Wirtin empfohlen. Sie sollte Witwe sein, es stellte sich aber bald heraus, daß sie nur von ihrem Manne getrennt und in beständiger Furcht lebte, er könnte wiederkommen und ihr einen Schaden zufügen. Deshalb verriegelte sie ihre Wohnung sehr sorgfältig, und man mußte ein ganzes Schlüsselsystem anwenden, um hineinzukommen. Vor dem Schlafengehen machte sie regelmäßig eine Runde durch sämtliche Räume, guckte in die Schränke und leuchtete auch unter Christianens Bett, in der Befürchtung, der geschiedene Mann könnte eines Tages schließlich darunter sein. Sie schneiderte, und man hörte den ganzen Tag das sonderbar ängstliche und ärmliche Geräusch der Nähmaschine.
Aber sonst war das Zimmer ganz nett. Die Terrakottabüsten waren samt ihren Zimmersäulen hinausbefördert worden, ebenso das, was Frau Claß ›Bilder‹ nannte. An der grauen Wand hing einzig die ›eiserne Wehr‹ in ihrer düsteren Wucht. Am Fenster stand Christianens Schreibtisch, und durch die Scheiben sah man hinter beschnittenen Lindenbäumen den grellen Streifen weißen Sandes und dahinter die bald graue, bald blaue See.
In der Schule ging es recht gemütlich zu. Fräulein Gusti war ebenso beliebt, wie die ›Erzengel‹, und wenn der dicke Lehrer bei seinen Gymnasiasten schärfere Saiten aufzog, – was übrigens zu bezweifeln war – so wandelte er sich in der Schule von Fräulein Schellenbaum so friedlich um, daß er ganz genau hineinpaßte. Nachmittags um vier gab es immer ein Kaffeestündchen in Fräulein Gustis Zimmer, und wenn der Oberlehrer dabei war, mußte er immer von seinem Jungen erzählen, mit dem ihn seine Gemahlin vor einem halben Jahr beschenkt hatte. Waren die Damen aber unter sich, so holte Fräulein Gusti ihre frauenrechtlerischen Bücher und Hefte heraus, und die ›Erzengel‹ sahen ebenso kritisch darauf wie Christiane und ließen das Fräulein reden. Brachte man das Gespräch aber auf die Vorgängerin, die jetzt Frau Tierarzt war, so wurde Fräulein Gusti spitz.
Die ›Erzengel‹ machten ihrem Namen alle Ehre und standen Christiane in allen Dingen wirklich wie ein paar langgeflügelte Himmelsboten zur Seite. In der freien Zeit machten sie weite Fußmärsche in die Umgegend, die wohl auch weit und flach, aber immer mit Möwen überflogen und mit dem nie weichenden, leise überdunsteten Streifen See im Hintergrunde nie mit jener östlichen zu verwechseln war. Auf den Wiesen weidete das schwarzbunte Vieh, das Getreide stand niedriger, der Wald war dürftig, wie zerblasen. Immer ging der Wind, und immer roch es nach Fischen im Rauch.
Sie segelten und schwammen auch, besuchten die Badeorte der Umgegend und machten in den Ferien gemeinsame größere Reisen nach Dänemark, Schweden und Norwegen, für das die ›Erzengel‹ so schwärmten, obwohl sie aus Osnabrück waren. Sie konnten nicht ohne Wasser sein.
Einmal gerieten sie auf der Rückreise – sie fuhren über Malmö-Lübeck – in eine Horde Engländer, die den Kontinent bereiste, alles Lehrer und Lehrerinnen, die eifrig bemüht waren, sich in der fremden Sprache zu üben. Ein großer, sehr rotblonder Dozent aus Nottingham hatte sich von Anfang an Christiane, die seine Tischnachbarin war, zur Partnerin ausersehen, und sie tauschten allerlei Rede und Gegenrede in der pikanten, spähenden, argwöhnisch höflichen Art, wie sie schon damals zwischen Vertretern der beiden Nationen zu herrschen pflegte. Als alles Neue erschöpft war und Christiane merkte, daß sie und der Engländer der Zielpunkt von allerhand Blicken wurden, die namentlich von seinen Landsmänninnen ausgingen, und als sogar die ›Erzengel‹ gutmütige Bemerkungen machten, zog sie sich rasch zurück. Es war möglich, daß Mr. Wyche, wie nachher erzählt wurde, auf dieser Seefahrt ein ganz ernstliches Interesse für die junge Deutsche gefaßt hatte, aber sie konnte es nicht zurückgeben. Von allem anderen abgesehen, hätte sie es undenkbar gefunden, ins Ausland zu gehen und mit einem fremden Volk zu leben, wo das eigene Land so voller Probleme und Arbeitsmöglichkeiten steckte.
Die ›Erzengel‹ begriffen sie nicht, und Christiane gab sich auch nicht die Mühe, sie aufzuklären, wie sie den braven Geschöpfen innerlich auch ganz fern stand.